Es ist Abend in Neulewin. Draußen liegt das Land Brandenburg schon so dunkel, dass es Städter fast ein bisschen gruselt. Drinnen, im niedrigen Gemeindesaal, wird eine Bürgerversammlung abgehalten. 30 Leute diskutieren, ob in Neulewin Blühwiesen angelegt werden sollen, zum Schutz der Insekten. Auch Kerstin Herrlich diskutiert mit. Sie wird eigens begrüßt, als ehrenamtliche Bürgermeisterin. Aber darauf reagiert sie gar nicht. Denn in Wahrheit ist Kerstin Herrlich nicht die ehrenamtliche Bürgermeisterin. Sie ist nur die, von der sich alle wünschen, sie wäre es. Einen Bürgermeister oder eben eine Bürgermeisterin haben sie hier in Neulewin schon seit Monaten nicht.

Kerstin Herrlich ist stellvertretende Bürgermeisterin. Sie ist diejenige, die den Job deshalb machen muss, solange es niemand anderen gibt. Sie habe eigentlich wirklich keine Zeit, sagt sie. Sie mache ihn zwar nicht ungern. Aber auf ewig?

Ehrenamtlicher Bürgermeister, das ist in Deutschland schon länger kein Amt mehr, um das sich die Leute reißen würden. Immer öfter kommt es vor, dass die Bürgermeisterwahl in kleinen Gemeinden ausfällt, weil sich niemand zur Wahl stellt. In Brandenburg war das bei der Kommunalwahl im Mai in sieben Gemeinden so, in Mecklenburg-Vorpommern in 22 und in Rheinland-Pfalz sogar in 465 Orten. Insofern ist Neulewin also nichts Besonderes in einer Zeit, in der Angriffe auf Kommunalpolitiker regelmäßig für Schlagzeilen sorgen und in der die Politik darüber nachsinnt, wie Ehrenamtler besser unterstützt werden können. Meistens bleiben die betroffenen Orte nicht lange ohne Bürgermeister. Oft bestimmen etwa die Gemeinderäte nach der Wahl einen aus ihrer Mitte. So fanden auch fast alle Brandenburger Gemeinden nach und nach doch noch einen. Aber in Neulewin ist das bisher nicht gelungen.

Der Ort ohne Oberhaupt liegt im Oderbruch, direkt an der polnischen Grenze. Friedrich der Große hat die Gegend einst trockenlegen und von Kolonisten besiedeln lassen. Es entstanden kleine Orte nach immer demselben Muster: zwei parallele Straßen, in der Mitte Kirche, Gasthof, Schule. Entlang der Straßen niedrige Fachwerkhäuser, dahinter Felder. Heute leben etwa 1000 Menschen in Neulewin, es gibt einen großen Landwirtschaftsbetrieb, eine Kita, mehrere Friedhöfe, den Gasthof Zum feuchten Willi und ein Lädchen, in dem man Kaffee kaufen kann und Pakete abgeben. Außerdem gibt es Kerstin Herrlich, die Hoffnungsträgerin.

Kerstin Herrlich ist die Hoffnungsträgerin im Ort. © Fabian Zapatka für DIE ZEIT

Herrlich, 40 Jahre alt, ist Karnevalistin, angestellt in einer Apotheke. Sie sitzt immerhin schon die zweite Amtsperiode in der Gemeindevertretung. Als sie gefragt wurde, ob sie nicht von der stellvertretenden zur richtigen Bürgermeisterin werden wolle, war ihre erste Reaktion, so erzählt sie es und erzählen es andere, die dabei waren: "Ich würde den, der es macht, voll unterstützen." Aber selbst machen? Kerstin Herrlich fährt jeden Tag eine halbe Stunde zur Arbeit hin und eine halbe Stunde wieder zurück, sie hat einen zwölf Jahre alten Sohn, einen Mann und ein Haus. Einen Abend in der Woche ist Vorstandssitzung beim Neulewiner Karnevalsverein, an einem anderen Abend leitet Herrlich das Tanztraining des Vereins. Wann eigentlich, fragte sie sich, soll sie noch Bürgermeisterin sein? Sie musste ja schon überredet werden, das Amt der Stellvertreterin zu übernehmen. Damit fallen ihr nun alle Aufgaben zu, die man als Bürgermeister zu bewältigen hätte – denn den gibt es ja nicht.

Das liegt an Horst Wilke. Wilke hat den Bürgermeister-Job die vergangenen 29 Jahre gemacht, seit der Wende. Erst in seinem Dorf Neulietzegöricke, nach einer Gemeindefusion dann in Neulewin. Aber zur Kommunalwahl im Mai ist er nicht mehr als Bürgermeister angetreten. Er sei jetzt 66 Jahre alt, sagt Wilke; seit vier Jahren Rentner. Er wolle einfach auch mal das machen, was man am Lebensabend so mache. Draußen in der Sonne sein.

Und da, draußen in der Sonne, hat Wilke ja auch einiges bewegt. Er zeigt das Haus, in dem er 1977 geheiratet hat, und die Kirche, die sie 2012 sanieren konnten. Dann zeigt er noch dieses Fachwerkhaus und jenes da hinten, das sei besonders schön. Kassettentür mit Oberlicht, Fensterkreuze, alles hübsch. Nur wenn er so spaziere, sagt Wilke, dann falle ihm immer noch auf, was es alles so zu tun gebe. Das verfaulte Hinweisschild für Wanderer da zum Beispiel. In Wilkes Amtszeit wurden Straßen erneuert und die Friedhofsgebäude saniert. Er hat für abbruchreife Häuser Käufer gefunden, und dank seines guten Drahtes ins Verkehrsministerium konnten sie sich zur 250-Jahr-Feier einen Bungee-Jumping-Kran leisten. Das alles, sagt er, habe ihn in der Woche 20 bis 40 Stunden Arbeit gekostet. Wer ihn so reden hört über Haushalt, Steuern, Gebühren, über Gemeindevertretungssitzungen und Bürgermeisterberatungen, dem fällt es gar nicht so schwer, das zu glauben.

Bevor er Rentner wurde, war er Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn, und irgendwie kriegte er beides parallel hin. "Die Schichtarbeit war ideal für das Amt", sagt Wilke. "Da hat man auch mal vormittags frei oder überhaupt unter der Woche." Kurz bevor er sein Amt aufgab, fiel ihm noch auf, dass der Bitumenpreis gerade sehr günstig war – und man deshalb statt der geplanten 300 Meter Straße gleich 750 Meter neu decken lassen konnte.

20 bis 40 Wochenstunden Arbeit für ein Ehrenamt – könnte das schon die Erklärung dafür sein, dass niemand ihm nachfolgen will?