Wer kennt heute noch die Pariser Kulturzeitschrift Kultura und ihre Redakteure Jerzy Giedroyc und Zofia Hertz? Sie erschien von 1947 bis 2000, war das Sprachrohr osteuropäischer Dissidenten und blieb für Eingeweihte in Fragen moralischer Integrität das Maß aller Dinge. Wer liest heute Horst Bienek oder Jürgen Fuchs? Wem stehen noch die Schicksale doppelt verfolgter jüdischer Antikommunisten wie François Fejtő vor Augen? Merkwürdig geschichtsvergessen stehen wir mittlerweile einer Epoche gegenüber, in welcher der intellektuelle Kampf für die Freiheit um Leib und Leben ging und Dissident ein Ehrentitel war.

Marko Martin, vielseitiger Berliner Journalist und Schriftsteller, Jahrgang 1970 und noch vor dem Mauerfall in die Bundesrepublik ausgereist, erinnert uns mit seinem eindrucksvollen Panorama dissidentischer Intellektualität daran, dass geistige Freiheit kein antiquarisches Thema ist. In Zeiten von Fake-News und digitaler Meinungslenkung, von politischen Schauprozessen gegen Journalisten und Menschenrechtler in Russland, China, der Türkei und anderswo bedarf es keiner Begründung für Martins groß angelegtes Herzensprojekt. Über Jahre reiste er zu seinen greisen Helden der Freiheit, von Budapest bis Paris, von Buenos Aires bis Sri Lanka, und verwickelte sie in biografische Gespräche: Lektüren und subversive Flaschenpost, Empfehlungen und Unterhaltungen entfalten ein Beziehungsgewebe, das eine faszinierende Perspektive auf das Zeitalter der Extreme freilegt.

Martin weiß, dass durch Lebenserfahrung beglaubigte Ideen ganze Theoriegebäude zum Einsturz bringen können. Woran Menschen glauben, wird durch Begegnungen, persönliche Krisen und Erweckungserlebnisse beeinflusst, hängt von Vorbildern, Lektüren und Neigungen ab. Von erfahrungsgesättigter und lebendiger Intellektualität weiß Martin zu berichten, um den Leser an unverhoffte Orte zu führen und unwahrscheinliche Lebensläufe zu erzählen.

Die lebenszugewandte, unorthodoxe Sozialistin Elisabeth Fisher-Spanjer erinnert sich an den jungen Emigranten Herbert Frahm alias Willy Brandt in Amsterdam. Wir begegnen den Prager Zirkeln um Václav Havel und Pavel Kohout nach 1968, erleben Melvin Laskys Netzwerkaktivitäten um die legendäre West-Berliner Zeitschrift Der Monat, in der seit 1948 Arthur Koestler, Albert Camus und Raymond Aron publizierten, verfolgen den Weg des 1933 emigrierten Schriftstellers Hans Sahl von Berlin ins New Yorker Exil und zurück nach Tübingen, wo er 1993 starb. Martin bringt uns noch einmal Edgar Hilsenraths abgründigen Lagerroman Nacht nahe und lässt uns an seinen Unterhaltungen mit wachen, humorvollen Jahrhundertzeugen teilhaben, die für das Einfühlungsvermögen des jungen Besuchers dankbar sind. Martins empathische Porträts in Zimmerlautstärke machen Hunger auf mehr: Man will Manès Sperber lesen, sich wieder in die Memoiren von Koestler vertiefen oder Victor Serges posthum erschienenen antistalinistischen Roman Große Ernüchterung zur Hand nehmen. Was mit der "Machtergreifung" 1933, im Spanischen Bürgerkrieg, in Moskau 1937 geschah, wird in all diesen Biografien verwoben. Die Überlebenden der Säuberungen und später der brutalen Errichtung der ostmitteleuropäischen "Volksdemokratien" halten dabei die Erinnerung an die Unzahl der namenlosen Opfer wach. Martin setzt faszinierenden, heute weithin vergessenen Frauen wie den Schriftstellerinnen Anne Ranasinghe, geborene Katz, oder Mariana Frenk-Westheim, die der Schoah entkamen, ein würdiges Denkmal.

In seiner Verachtung für diejenigen, die Konzessionen an den Realsozialismus machten, kennt Marko Martin dabei keinen Pardon. Da ist er eher beim Papst als bei Helmut Schmidt, der bekanntlich seine Zurückhaltung gegenüber Solidarność mit entspannungspolitischen Bemühungen begründete. Auch Christa Wolf, Heiner Müller und Bertolt Brecht werden vom Autor noch einmal zur Strecke gebracht.

Heute entfaltet Martins Lob der Dissidenz tatsächlich eine eindringliche Wirkung. Dissidenz bedeutet für ihn nicht einfach Opposition, sondern eine Standhaftigkeit, das Festhalten an Common Sense in Zeiten, da die herrschende Meinung fehlgeleitet ist. Widerständiges Denken verbindet sich mit Skepsis und Eigenständigkeit; es erkennt daher nicht selten den eigenen Irrtum. Es reagiert auf Freiheitsentzug, auf die Zumutung politisch legitimierter Gewalt. Marko Martins Dissidenten sind dabei keineswegs blind für die Schwächen des Westens, dessen Neigung zum lähmenden, an Dekadenz grenzenden Selbstzweifel schon Orwell und Koestler beklagten. Die derzeitigen Abgesänge auf die liberale Demokratie zeichnen erneut ein Bild ihres passiven Ungenügens. Auch gegen diesen Trend ist Martins Pantheon der Freiheitskämpfer ein überzeugendes Statement. "Wer 1989 erlebt hat, hat nicht das moralische Recht, Pessimist zu sein", dieses Zitat des Solidarność-Aktivisten David Warszawski zieht sich leitmotivisch durch das Buch. Der skeptische Humanismus von Marko Martins Dissidenten beglaubigt einen Lebenssinn der Freiheit, eben weil er um die permanenten Gefährdungen von Geist und Politik weiß.

Marko Martin: Dissidentisches Denken. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019; 540 S., 42,– €