So entstehen Klänge, die in die Knochen kriechen wie das Unheil selbst, Türen fallen zu, Leitungen ächzen, Scharniere quietschen. Und nicht nur dadurch, dass man keine Menschen, kein Leben hört, klingt die Musik so verloren. Sondern weil die Leerstellen spürbar bleiben: Man kann die Menschenferne fühlen, die Musik ist noch stiller, als es die Stille selbst sein könnte. Kein Orchester der Welt könnte eine solche Befangenheit herstellen.

Für Joker setzte sie sich einfach ans Cello und begann den Tönen nachzulauschen. Beim ersten Hinhören klingt der Joker-Soundtrack konventioneller als der von Chernobyl, aber das täuscht: Er ist weitaus mutiger. Er sagt nämlich gar nichts. Sondern er fragt.

Sie möge Joker gerade deshalb so gern, weil der Film den Zuschauern große Freiheiten lasse, bekannte Gudnadóttir kürzlich. "Der Film drängt mich nicht vorwärts und sagt: Fühl dies, fühl das. Ich habe Zeit, die Ereignisse zu verdauen und mir über meine Gefühlslage selbst klar zu werden." In ihrem ersten Telefonat mit dem Regisseur Todd Phillips sagte sie, wenn er einen Actionfilm machen wolle, dann sei er bei ihr mit großer Wahrscheinlichkeit falsch.

Üblicherweise beginnen Filmkomponisten ihre Arbeit erst, wenn ein Großteil der Szenen schon abgedreht ist. Diesmal war es anders: Der Regisseur gab ihr das Skript lange vor Drehbeginn. Sie schickte ihm zwei Stücke, die ihr beim Lesen in den Sinn kamen – nicht wie sonst auf Basis bestehender Bilder, sondern gespeist aus der Spannung, die auch die Geschichte selbst zusammenhält. Sie dachte, sie werde sofort gefeuert, doch er ließ die beiden Tracks immer wieder am Set laufen. Die Szene, in der sich Joaquin Phoenix nach den ersten Morden seiner Filmfigur in einer öffentlichen Toilette in Trance tanzt, wurde zu Gudnadóttirs Musik gedreht. Die Bilder kommen aus der Musik – dass der Film zur Filmmusik selbst gedreht wird, um gleich die richtige Tonart zu setzen, und nicht umgekehrt, das kam zuletzt wohl bei Ennio Morricones Leone-Western vor.

Das Geheimnis dieser Musik ist der Sog, den sie entwickelt. Sie diktiert keine Gefühle, sie provoziert sie. Sie öffnet Räume, eröffnet Möglichkeiten – etwa die, Trostlosigkeit und Trost zugleich zu transportieren.

Die Deutsche Grammophon hat Gudnadóttir, in Erwartung des Erfolgs, gerade unter Exklusivvertrag genommen. Es wäre aber ein Trugschluss, zu glauben, dass ihre Karriere jetzt erst in Gang kommt. Die läuft längst. Nur hat es bislang niemand bemerkt.