Der konservative Liberale: Kardinal Schönborn gilt als Vertrauter von Benedikt XVI. wie auch von Franziskus. © Fabio Frustaci/​CAMERA PRESS/​laif

Wenn in Wien das Gespräch auf Erzbischof Christoph Schönborn kommt, dann ist nur vom "Kardinal" die Rede. Der Kardinal ist mal hier, mal dort. Der Kardinal sei auf Kur, hieß es in den vergangenen Wochen. Ausruhen, erholen, regenerieren. Genauer gesagt war der Kardinal zuletzt in einem ganz besonderen Sanatorium, dem Curhaus Bad Kreuzen. Man fährt mit dem Auto zwei Stunden von Wien aus und lässt dabei den Wienerwald und Sankt Pölten rechts liegen. Am Donaubogen wird der Blick auf das prächtige Benediktinerkloster Melk frei. Österreich von seiner besten Seite. Auf Höhe Amstetten biegt man dann rechts ab, überquert die Donau und den Weiler Kühweid. Dann nehmen einen bald schon die Sanatoriumsdamen im Dirndl in Empfang.

Der Kardinal war im vergangenen Jahr mal wieder viel in der Presse. Im Vatikan war er mehrfach zu Gast, er nahm an Kongregationssitzungen teil, am Antimissbrauchsgipfel, an der Amazonas-Synode. Da wollten viele Interessierte von ihm wissen, was denn jetzt Sache sei bei diesen Themen. Macht die katholische Kirche endlich Schluss mit ihrer Kultur der Vertuschung? Kommen die verheirateten Priester? Schönborn gilt vielen als eine Art katholisches Barometer. Er leitet seit bald 25 Jahren das große Erzbistum Wien und ist seit 22 Jahren Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz. Er ist ein Vertrauter des alten und des amtierenden Papstes und kann deshalb zwischen den zunehmend auseinanderdriftenden kirchenpolitischen Lagern, für die diese beiden Päpste stehen, vermitteln. Er gilt als Spitzentheologe. Bei allen wichtigen Kirchenereignissen ist er wie selbstverständlich mit dabei, ohne ein Adabei zu sein, wie man im Süden sagt, ein Wichtigtuer. Im Gegenteil. Bei den wichtigen Ereignissen ist Schönborn präsent, weil er nicht nur kompetent ist, sondern ein vermittelndes Naturell hat. Ein "altösterreichisches Verhandlungsgemüt" wurde ihm in der Vergangenheit bereits attestiert. Er ist offen im Gespräch und hat von außen wahrgenommen eine päpstlich anmutende Milde.

Kommende Woche, am 22. Jänner, wie sie in Österreich sagen, wird Schönborn 75 Jahre alt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem Diözesanbischöfe dem Papst ihren Rücktritt einreichen müssen. Wie es sich für einen absoluten Monarchen gehört, entscheidet dieser dann über die Annahme des Rücktritts. Wenn dem Papst die Arbeit des Betreffenden gefällt, kann es sein, dass er noch länger im Amt bleiben darf. Passt man aus verschiedenen Gründen nicht mehr in das große Ganze oder ist gar gebrechlich, geht es in den Ruhestand. Bei Schönborn hätte man vor einem Jahr noch darauf wetten können, dass er länger bleibt. Aber dann stellte sich das Jahr 2019 als besonders verflixt heraus.

Parallel zu den kirchlichen Großereignissen meldete sich der Körper des Kardinals zu Wort. Im März, am Ende der Pressekonferenz zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der österreichischen Bischöfe, gab Schönborn eine Stellungnahme in eigener Sache ab. Er sei an Prostatakrebs erkrankt. Im Mai werde er aus der Öffentlichkeit verschwinden. "Die wird das gut überleben und ich hoffentlich auch", scherzte er. Die Operation verlief gut, der Krebs schien besiegt, teilte er im November mit. Im Dezember folgte ein Lungeninfarkt infolge einer Embolie. Wieder kam er ins Krankenhaus. Noch vor Weihnachten ging es in die Kur.

So schwer das Jahr für Schönborn auch gewesen sein mag – in gewisser Hinsicht kamen die Leiden zum richtigen Zeitpunkt. Andernfalls hätte ein ernsthaftes Risiko bestanden, dass Christoph Maria Michael Hugo Damian Peter Adalbert Schönborn eines Tages den Job übernehmen muss und Papst Franziskus beerbt. Das will offiziell keiner, der als "papabile" gehandelt wird.

Schönborn gilt vielen in Rom als eine Synthese zwischen der Ratzinger- und der Bergoglio-Kirche. Der Kardinal ist ein Konservativer, der etwa der "Ehe für alle" nichts abgewinnen kann, es aber trotzdem berührend findet, "dass in einer Zeit, in der die Ehe an Strahlkraft verliert, gleichgeschlechtliche Paare diese Höchstform an Partnerschaft wünschen".

Unter dem befreienden Blick von Franziskus ist er selbst noch einmal in eine Art liberalen Jungbrunnen gesprungen. Der Kardinal hat mehrfach angedeutet, dass die Themen, die ihn zu seiner Zeit als junger Priester bewegten, in diesem Pontifikat wieder an Bedeutung gewannen. Nicht mehr die hilflos postulierte Propaganda der katholischen Moral stand im Vordergrund, sondern der Mensch und seine Fehlbarkeit, "die soziale Dimension". Schönborn blühte unter Franziskus förmlich auf. Für viele Beobachter in Rom war er der Favorit auf die Nachfolge des Argentiniers im Vatikan.

Der Vermittler, der das Zeitalter des Zeigefingers mit dem der Barmherzigkeit befrieden würde. Stattdessen folgten Krankenhausaufenthalte und Kur. "Ich stelle jetzt einfach fest, dass ich in meinem realen Alter angekommen bin", sagte Schönborn der Herder Korrespondenz im November noch vor seinem zweiten Rückschlag. Er gehöre zu denen, die mit 75 nicht mehr jung sein wollten, behauptete er. Ihm sei durch die Krankheit sehr bewusst geworden, "was man wirklich ist, wenn man 75 ist: alt".

Im Sanatorium Bad Kreuzen nahm Schwester Oberin Christiana Reichl den Dominikaner noch vor Weihnachten in Empfang. In diesen Tagen kehrt Schönborn nach Wien zurück. Wie es heißt, wird er seine Arbeit vorläufig nur eingeschränkt wieder wahrnehmen, bis die Kräfte wieder ganz hergestellt sind. Das Sanatorium ist ein ganz besonderer Ort und ein Geheimtipp unter gestressten österreichischen Kirchenleuten. "Anwendungen aus der traditionellen Medizin und Naturheilkunde sollen dem Erzbischof von Wien helfen, wieder zu Kräften zu kommen", berichtete Christiana Reichl. In Bad Kreuzen wird der heilende Aderlass nach Hildegard von Bingen angewendet, rigoros sechs Tage nach Vollmond. Patienten werden ganzheitlich behandelt, man taucht laut Homepage als Gast ein in eine "Welt von Spiritualität und Menschlichkeit". Auch Schönborn fühlte sich willkommen. "Im Kurhaus Bad Kreuzen gehen Ärzte, Therapeuten und Mitarbeiter auf die Menschen ein. Ein großes Lob an alle", schwärmte der Kardinal über die durchaus spezielle Heilanstalt in Oberösterreich.