Die grünen Liftstützen ragen verloren aus dem Schnee. Die Sessel wurden schon vor Jahren abmontiert. Die Schneise, die man für den Skilift ehemals in den Bergwald geschlagen hat, wächst allmählich wieder zu. "Maseben Lift" steht in großen Lettern auf dem bröckelnden Gebäude der Talstation.

Die aufgelassenen Lifte im kleinen Südtiroler Bergtal Langtaufers künden von Zeiten, die touristisch schon einmal besser waren. Zwar gibt es bei einer Berghütte noch einen kleinen Schlepplift für Hausgäste. Ansonsten bietet das zehn Kilometer lange Tal, gelegen auf gut 1.900 Meter Höhe, überragt von Gletschern, welche die Staatsgrenze zu Österreich markieren, ein paar Einkehrmöglichkeiten und 350 Betten für Gäste, die zum Wandern, Langlaufen und Tourengehen kommen. Das Langtauferer Tal mit seinen gut 400 Einwohnern setzt auf sanften Tourismus. Notgedrungen.

Das soll nun ganz anders werden. Über zwei Kabinenbahnen, die vom Talschluss über das menschenleere Melagtal auf das 3.100 Meter hohe Karlesjoch führen, soll eine Skianbindung nach Nordtirol entstehen, in das Gletscherskigebiet Kaunertal. Man verspricht sich einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung, volle Gästebetten, neue Arbeitsplätze und ein Ende der schleichenden Abwanderung. 50.000 zusätzliche Nächtigungen sollen in der Umgebung, dem Südtiroler Obervinschgau, generiert werden.

Für Kritiker der grenzüberschreitenden Liftanbindung ist das reine Fantasie. Sie verweisen auf die Unberührtheit des Tales, eines der letzten seiner Art in der Tourismushochburg Südtirol. Langtaufers drohe zu einem Durchzugstal zu werden, die winzige Ortschaft Melag zu einem Parkplatz für Tages-Skitouristen. Denn der Weg über Langtaufers würde auch für Touristen attraktiv, die im obersten Abschnitt des Tiroler Inntales urlauben: Für diese würde die Zufahrt zum Gletscherskigebiet einfacher als über das Kaunertal.

Die Skiliftpläne sorgen für Streit. Ob bei der Bergrettung, der Freiwilligen Feuerwehr oder am Wirtshaustresen der Gemeinde Graun, zu der Langtaufers gehört: Das Projekt spaltet. Weil es vor rund 30 Jahren bereits erste Überlegungen zu einer Skianbindung nach Österreich gegeben hat, sprechen manche gar vom Dreißigjährigen Krieg – mit Argumenten, die auch andernorts diskutiert werden: Ist der Ausbau von Skigebieten noch sinnvoll? Was wiegt mehr: Die Erhaltung unberührter Natur oder der erhoffte wirtschaftliche Gewinn? Und wer profitiert von den Großprojekten?

"Es gibt in den Alpen kaum noch einmal ein schöneres Projekt, mit dem man leichter an ein Gletscherskigebiet herankommt", sagt Josef Thöni. Der Mann ist Seniorchef des Hotels Langtauferer Hof nahe dem Talschluss, das er vor zwei Jahren ausgebaut und um das Doppelte vergrößert hat. Thöni ist einer der eifrigsten Promotoren des Liftprojektes. Auf Werbefoldern und einer Homepage preist er sein Haus als "Bergrefugium" in "einem der unberührtesten Tälern in den Alpen" an. Das sieht er nicht als Widerspruch zu den geplanten Pisten und Aufstiegsanlagen. "Das Langtauferer Tal ist 20.000 Hektar groß, da bleibt noch viel, viel Platz übrig", sagt er. Auch die Angst, dass Gäste und Wertschöpfung ins Kaunertal umgeleitet würden, teilt er nicht: "Es würde den ganzen strukturschwachen Obervinschgau als Skiregion attraktiver machen."

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Um den Gletscheranschluss voranzubringen, hat Thöni zusammen mit anderen Mitstreitern vor vier Jahren die Oberländer Gletscherbahn AG gegründet. Darin sind hauptsächlich lokale Kleinaktionäre versammelt. Als größter Gesellschafter gilt jedoch der Tiroler Investor Hans Rubatscher. Der Wirtschaftsprüfer mit großer Kanzlei in Innsbruck ist Mehrheitsaktionär bei den Kaunertaler Gletscherbahnen und hat größtes Interesse an dem Plan, der dem Kaunertaler Skigebiet neue Gästeschichten verspricht.

Die Investitionssumme soll bis zu 25 Millionen Euro betragen. Knapp die Hälfte davon erwarten sich die Promotoren als Förderbeitrag von der Südtiroler Landesregierung. Sie ist es auch, die in den kommenden Wochen – nach jahrelangem Zaudern – entscheiden muss, ob das Projekt grünes Licht erhält.

Für Südtiroler Patrioten hätte das Projekt durchaus seinen Reiz: Es wäre die erste länderübergreifende Skiliftverbindung zu Österreich, ein Signal für die viel beschworene Europaregion Tirol.

Die Politik ist Siegfried Patscheider einigermaßen gleichgültig. Der 49-Jährige bewirtschaftet mit seiner Familie im Langtauferer Weiler Grub den bergbäuerlichen Beim-Gruber-Hof mit einem Dutzend Rindern und drei Ferienwohnungen. Im Stall stehen auch die Haflinger-Araber-Stute Lady, das Pony Mitzi, Kaninchen, Meerschweinchen und Minischweine zum Anfassen für die Gäste.