Der Anfang: Die Aufklärung des Missbrauchs beginnt damit, dass ich den Täter wiedertreffe

Erinnerung kann quälend sein. Namen, Orte, Zeiten, die du verzweifelt heraufzubeschwören versuchst, wollen nicht aus dem Nebel heraustreten. Sosehr du dich bemühst, sie herbeizuzwingen – immer wieder entgleiten dir die Fetzen.

Ich weiß nicht mehr, wann und wo ich den Spielfilm zum ersten Mal sah. Nur eins weiß ich sicher: Ich war nicht auf die Wirkung vorbereitet, es war dunkel, und ich war allein. Ich habe geweint, unkontrollierbar, leise. Und dennoch konnte ich die Erinnerung damals nicht festhalten. Noch nicht.

Der Film Sleepers beschreibt das Schicksal von vier New Yorker Jungen, die in den Fünfzigerjahren in einem Arbeiterviertel in Manhattan aufwachsen, durch einen Dumme-Jungen-Streich in einer "Besserungsanstalt" landen und dort von sadistischen Aufsehern gequält und vergewaltigt werden. Der junge Brad Pitt spielt mit, ebenso Robert De Niro.

Von der Handlung sind mir nur schattenhafte Eindrücke haften geblieben. Ich weiß noch: An einem Punkt macht die Erzählung einen Sprung. Jahre später in einer schummrigen Bar: Zwei Männer sitzen an einem Tisch, es sind zwei der missbrauchten Jungs, inzwischen erwachsen. Sie gehen zu einem Mann, der abseits einsam seinen Drink nimmt. Sie sprechen ihn an, vergewissern sich, wie er heißt, und erschießen ihn. Er war der Mann gewesen, der sie missbraucht hatte.

Meinen eigenen Sleepers-Moment erlebte ich Jahre später, im Frühjahr oder Frühsommer 2005. Ohne Rache, versteht sich, und nicht in einer Bar, sondern bei einer öffentlichen Veranstaltung, doch ebenso unvermittelt. Als ich damals den Raum betrat, stand ein großer, übergewichtiger Mann mit leicht fettigen Haaren und einer Brille mit dicken Gläsern vor mir. Sofort registrierte ich sein besonderes Merkmal, auf das er selbst im Religionsunterricht 1974 zu sprechen kam, als er mein Lehrer am Berliner Canisius-Kolleg war: Eines der Augen (das linke?) blickte irritierend in eine andere Richtung als jenes, mit dem er mich anschaute, begleitet von einem spöttischen Gesichtsausdruck, der mich rot werden ließ. Seit meinem Abitur 1981 hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Ich war sprachlos. Ich, ein 42-jähriger Akademiker, der sein Geld mit Schulungen, Vorträgen und Seminaren verdiente und gelernt hatte, vor großen Menschengruppen aufzutreten, wusste nicht, wohin mit mir unter diesem Blick. Schlagartig befand ich mich wieder in der Rolle des dreizehnjährigen schlaksigen, linkischen Jungen, der von dem Priester befragt wurde. Diesmal stellte er mir keine intimen Fragen, die einen Jungen in Verlegenheit stürzten. Er erkundigte sich danach, wie es mir ging, was ich beruflich machte. Und ich berichtete getreulich von meinem Leben, meiner Karriere.

Peter R. hatte die Schule im Herbst 1981 fluchtartig verlassen. Er war ein Mann gewesen, der immer ein ausgeprägtes Interesse am Intimleben kleiner Jungen beim Eintritt in die Pubertät gezeigt hatte.

Mit dieser Begegnung 2005 war meine Erinnerung an die Misshandlungen, die Übergriffe, die ich als Kind hatte erdulden müssen, plötzlich zurück. Wie war es möglich, dass ich über mein gesamtes Erwachsenenleben hinweg die Beichtgespräche mit Pater Peter ausgeblendet hatte? Die andeutungsvollen Gespräche mit Klassenkameraden, jene Nacht, als ich zum ersten und einzigen Mal mit einem Freund über das gesprochen hatte, was Pater Peter von mir wollte, und darüber, wie ich versuchte, mich zu entziehen?

Wie konnte das alles weg gewesen sein?