Gerade hat der Film 1917 bei den Golden Globes die Preise für den Besten Film und für die Beste Regie gewonnen. Seit je gelten die Golden Globes als eine Art Testlauf für die Oscarverleihung, die in diesem Jahr am 9. Februar stattfindet. Selten war das Feld der nominierten Filme – unter anderem Martin Scorseses The Irishman, Noah Baumbachs Marriage Story und Parasite von Bong Joon Ho – so stark. Umso erstaunlicher ist es, dass Sam Mendes’ Kriegsfilm 1917, dessen einzige Idee darin besteht, seine Handlung quasi in Echtzeit ablaufen zu lassen, in zehn Oscarkategorien ins Rennen geht. Fast zwei Stunden lang folgt die Kamera von Roger Deakins zwei britischen Soldaten während einer Mission. Die beiden sollen einer von allen Informationen abgeschnittenen englischen Einheit den Befehl zur Absage eines Angriffs überbringen. Ansonsten würden 1600 Kameraden in einen Hinterhalt der Deutschen und damit in den sicheren Tod stürmen. Die jungen Briten hetzen durch eine kriegsverbrannte Landschaft, werden um ein Haar von einem abstürzenden deutschen Flugzeug zermalmt, treffen auf Stacheldrahtsperren, Sprengfallen, feindlichen Beschuss.

Der Film, der nun in Deutschland ins Kino kommt, hat nur wenige, zumeist kaschierte Schnitte und wirkt so, als sei er in einem einzigen Durchlauf gedreht worden. Dafür bedurfte es eines großen Aufwandes. Endlose Läufe durch britische Schützengräben mit Hunderten sekundengenau reagierenden Statisten wurden bis zur Perfektion geprobt. Riesige Sets wurden so gebaut, dass die Kamera sie möglichst lange ohne Unterbrechung durchqueren konnte. Um die Anschlüsse der Szenen zu gewährleisten, konnte nur bei immer gleichem Wetter –weißlich bedeckter Himmel – gedreht werden. Man fragt sich, was man mehr bewundern soll, den Heldenmut der Soldaten oder die logistische Anstrengung der Regie.

Doch die produktionstechnische Leistung steht derart im Vordergrund, dass sie ihr eigentliches Ziel – die Illusion des unmittelbaren Dabeiseins – zerstört. Stattdessen wirft fast jede Station des Films Fragen auf, die an Wetten, dass..? erinnern: Wie schafft es der Tiertrainer, dass die Ratte den verwesten Soldaten genau dann anknabbert, wenn die beiden Protagonisten in den Bombenkrater stolpern? Hätte man den ganzen Film noch mal von vorn drehen müssen, wenn das hungernde Baby der hübschen Französin nicht punktgenau nach einer Stunde in einer Ruine gegluckst hätte?

Es ist ein Missverständnis, dass die kraftstrotzende Selbstbeschränkung des Drehens ohne Schnitt, diese Mischung aus Sport-Event und Pathos-Parcours, allein schon einen künstlerischen Zugriff darstellt. Oder gar eine wie auch immer geartete Haltung zum Thema ersetzen könnte. Genauso gut könnte man sich einen ästhetischen Effekt erhoffen, indem man einen ganzen Film mit linkshändigen Veganern besetzt.