Wenn sich an diesem Wochenende in Berlin die Staatschefs Russlands, der Türkei, Frankreichs und anderer Mächte zur großen Libyen-Konferenz treffen, könnte es sein, dass es mehr Positionen gibt als Teilnehmer. Über kaum ein Land ist die Staatengemeinschaft so zerstritten wie über das Bürgerkriegsland. Nur dass niemand gern zugibt, welche Interessen er wirklich hat. Angela Merkel versucht nun, die Strippenzieher an einen Tisch zu bekommen. Denn seit dem Sturz des Diktators Al-Gaddafi 2011 und dem wieder aufgeflammten Krieg hat Libyen immer mehr Staaten angezogen. Sie unterstützen konkurrierende Parteien, hoffen auf die Wiederherstellung alter Vertragsbeziehungen zu dem ölreichen Land, liefern Waffen (ohne darüber zu reden). Libyen ist Schauplatz eines Stellvertreterkriegs geworden. Kann der in Berlin beendet werden?

Wie schwierig eine Einigung ist, zeigten die Verhandlungen über einen Waffenstillstand am Montag in Moskau. Neben den Russen und den Türken waren die libyschen Hauptrivalen dabei: der international als Ministerpräsident anerkannte Fajis al-Sarradsch und der mächtige General Chalifa Haftar, der den Osten des Landes samt Ölquellen kontrolliert und die Hauptstadt Tripolis erobern will. Die Türken unterstützen Sarradsch, die Russen Haftar. Es war kein leichtes Unterfangen: Weil Sarradsch es ablehnt, direkt mit Haftar zu sprechen, liefen russische und türkische Diplomaten zwischen den Räumen hin und her. Die Diplomaten hatten den Eindruck, zitiert die russische Zeitung Kommersant eine Quelle, als hätten sie zig Kilometer im Stadion zurückgelegt. Nach achtstündigen Gesprächen unterzeichnete Sarradsch – Haftar jedoch reiste am nächsten Morgen ohne Unterschrift ab. Damit ist eine dauerhafte Waffenruhe zwischen den Kriegsparteien vorerst nicht zu erwarten.

Einen Grund für seinen Affront nannte General Haftar nicht, aber aus den Konferenzräumen drang, dass er einen Abzug des türkischen Militärs aus Libyen und eine Nichtbeteiligung der Türken am Friedensprozess gefordert habe. Der wichtigere Grund dürfte sein: Haftar will gar keine Waffenruhe, weil er hofft, doch noch Tripolis erobern zu können. Dass er sich darauf weiter Hoffnungen machen darf, hat sehr viel mit dem Streit der Mächte zu tun. Deshalb hier ein Blick auf ihre Interessen.

Die russische Haltung geht auf 2011 zurück: auf den in Moskau als Niederlage empfundenen Sturz von Gaddafi. Die Beziehungen zwischen Putin und Gaddafi waren nicht ganz einfach – aber durchaus ertragreich. Um den westlichen Sanktionsdruck zu lockern, besuchte Gaddafi gern Moskau, schlug sein Zelt im Garten des Kremls auf, lud zum Grillen ein und schloss mit den Russen Milliardenverträge über Öl, Infrastruktur und den Bau eines Eisenbahnnetzes.

Nach dem Tod Gaddafis stürzten die Geschäfte auf einen Umfang von etwa 170 Millionen Dollar jährlich ab. Das möchte Putin ändern. Aber er hat auch ein geopolitisches Motiv. Putin will in Libyen eine Waffenruhe schaffen, weil die Situation mit vielen Akteuren zu unübersichtlich und gefährlich wird. Seit etwa einem Jahr versucht sich Moskau als Ordnungsmacht in Afrika zu etablieren. Der Handel mit dem Kontinent wächst; auch militärisch ist Russland aktiv. Russische Söldner der Gruppe Wagner sollen nicht nur in Libyen, sondern auch in der Zentralafrikanischen Republik kämpfen. Putin unterstützt General Haftar, der die meisten Ölquellen kontrolliert.

Der türkische Präsident Erdoğan wiederum hat sich Libyen erst vor Kurzem als neues Expansionsgebiet erschlossen. Dabei spielen Gas und Geopolitik eine Rolle. Mit Ministerpräsident Sarradsch einigte er sich über die Aufteilung von wirtschaftlichen Interessenzonen im Mittelmeer. Erdoğan will so die türkischen Ansprüche auf die Nutzung von Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer durchsetzen. Im Gegenzug sicherte er Sarradsch militärische Unterstützung zu und entsandte türkische Truppen. Für Erdoğan ist Libyen ein schwaches Land, in dem er türkische Vormachtansprüche demonstrieren kann.