Wie soll eine Henne leben, während sie im Akkord unsere 3-Minuten-Eier legt? Und was soll ein Rind fressen, bevor es als Ghacktes mit Hörnli auf unserem Zmittags-Tisch endet? Zwei Schweizerinnen haben darauf eine klare Antwort: Jedes Ei, jedes Kilo Hackfleisch, jeder Liter Milch soll hierzulande von glücklichen Tieren stammen und so hergestellt werden, dass die Umwelt dabei keinen Schaden nimmt. Die Aktivistin Franziska Herren und die grüne Nationalrätin Meret Schneider wollen mit ihren beiden Volksinitiativen nicht weniger als die Schweizer Landwirtschaft revolutionieren.

Das Volksbegehren von Franziska Herren, in deren Initiativ-Komitee noch sechs weitere Frauen und ein Mann sitzen, will vordergründig das Trinkwasser schützen. Dieses wird in der Schweiz zu 80 Prozent aus dem Grundwasser gepumpt und ist latent gefährdet. Unter anderem, weil auf den Schweizer Bauernhöfen zu viele Tiere leben. "Diese verursachen enorme Mengen an Gülle, was zu rekordhohen Ammoniakemissionen führt und unser Grundwasser mit Nitrat belastet", sagt Herren.

Ihre Idee, die sie in der Bundesverfassung festschreiben will, ist so simpel wie umstritten: Landwirte sollen nur noch so viele Tiere in ihren Ställen und auf ihren Weiden halten dürfen, wie sie Futter im eigenen Betrieb produzieren können. Wer sich daran hält, wird auch künftig mit staatlichen Subventionen unterstützt. Wer nicht mitmacht, geht leer aus.

Herrens Initiative dürfte noch in diesem Jahr zur Abstimmung kommen. Ob es einen Gegenvorschlag geben wird, ist offen. Die Landwirtschaftslobby bekämpft das Anliegen mit viel Geld. Der Schweizer Bauernverband (SBV) hat das Jahr 2020 zum "Schicksalsjahr" erkoren – auch wegen Herrens Volksinitiative. Die Bauern befürchten, dass ihre großen Ställe bald leer stehen und sie ihre Mitarbeiter entlassen müssen, wenn die Tierbestände schrumpfen. Dazu kommt, sagt Bauernpräsident Markus Ritter: "Weniger Tiere bedeutet mehr Import." Also mehr Fleisch aus dem Ausland.

Weniger Tiere auf Schweizer Höfen, das könnte aber auch heißen, dass weniger Fleisch gegessen wird. Für Urs Niggli, den abtretenden Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), ein vernünftiges Szenario. "Denkt man nicht nur an die Ökologie, sondern auch an die Gesundheit, ist sowieso klar, dass es besser wäre, wenn wir nur noch halb so viel Fleisch essen würden", sagt Niggli. Auch die Einführung einer Lenkungsabgabe auf Fleisch, wie sie der renommierte Ökonom Ernst Fehr diese Woche im Tages-Anzeiger forderte, würde dazu führen, dass die Schweizerinnen und Schweizer weniger Fleisch essen würden.

Damit würde ein herrschender Trend verstärkt. In der Schweiz nimmt der Fleischkonsum nämlich seit Jahren ab. Im Jahr 2017 wurden pro Person noch 48,6 Kilogramm Fleisch gegessen, das sind vier Kilogramm weniger also noch im Jahr 2008. Im weltweiten Vergleich liegen die Schweizer damit im Mittelfeld. Auch Verzehr von Milch und Milchprodukte ging im selben Zeitraum um 14 Kilogramm zurück und lag zuletzt bei 238,6 Kilogramm pro Einwohner.

Meret Schneider wünscht sich den Schweizer und die Schweizerin als Flexitarier. Als gelegentliche Fleischesser. Sie selbst ernährt sich vegan, seit ein Freund ihr erklärt hat, dass es nicht der Natur des Huhns entspricht, jeden Tag ein Ei zu legen, und dass es einer Missachtung des Tierwohls gleichkomme, wenn man ihm routinemäßig den Schnabel kürze, um Konflikte in den engen Mastbetrieben zu verhindern. Der Schnabel, sei, sagt Schneider "ein höchst empfindliches Tastorgan, das dem Huhn nicht nur zur Untersuchung von Körnern, sondern auch zur Pflege des Gefieders dient".

Im Herbst hat die Nationalrätin der Grünen die 100.000 Unterschriften für ihre Volksinitiative "Keine Massentierhaltung in der Schweiz" eingereicht. Auch in ihrem Unterstützerkreis gibt es viele Frauen, darunter die Schauspielerin Melanie Winiger und die Sängerin Anna Rossinelli.

Schneider will das Tierleid verringern, das für sie untrennbar mit der Massentierhaltung verbunden ist – was das genau heißt, lässt sie offen. "Tiere verkommen zu reinen ökonomischen Ressourcen", sagt sie. So würden acht von zehn Hühnern, die in der Schweiz gehalten werden, nie in ihrem Leben auf einer Wiese stehen und bereits am 30. Tag ihr Schlachtgewicht erreichen. "Dabei ist die Würde der Kreatur in der Bundesverfassung garantiert, auch für nicht menschliche Lebewesen wie das Huhn oder die Kuh", sagt die 28-jährige Politikerin.

Ihre Initiative soll das ändern. Schneider will, dass es künftig zur Tierwürde gehört, nicht in Massentierhaltung leben zu müssen. Der Bund würde die Kriterien für eine tierfreundliche Unterbringung und Pflege festlegen. Dazu gehören der Zugang ins Freie, die Art der Schlachtung und die maximal zulässige Gruppengröße pro Stall. Diese "Transformation" der Fleischproduktion dürfte, gemäß Initiative, höchstens 25 Jahre dauern.

Für den Bauernverband ist auch diese Initiative unnötig. Das Tierwohl werde bereits jetzt großgeschrieben, eine industrielle Massentierhaltung gebe es hierzulande gar nicht. Die Diskussion sei darum müßig.

Aber Meret Schneider ist überzeugt: Das Stimmvolk lässt sich für ihr Anliegen gewinnen. "Es ist doch krass! Wir sind zwar empört über die 500 Millionen Tiere, die bei den Waldbränden in Australien ums Leben kamen. Aber das sind so viele Tiere, wie weltweit alle zwei Tage geschlachtet werden. Für unseren Fleischkonsum."