Schreiben im Verborgenen: Wie seltsam fremd erscheint so etwas heute. Überall geht es um Sichtbarkeit, auch des eigenen privaten, intimen Lebens. Auf Instagram werden die Fotoromane der Ich-Entwicklung präsentiert, das persönliche Schicksal wird in eine von allen konsumierbare Form gebracht. Das Teilen von Gedanken und Gefühlen mit der ganzen Welt ist die neue Normalität. Das Tagebuch, dieses uralte, ehrwürdige, vor den Blicken anderer verborgene Genre aus Selbstzweifel und Selbstvergewisserung, verändert sich: Immer häufiger veröffentlichen es Autoren noch zu Lebzeiten, manche gar in regelmäßigen Lieferungen – und sie können dabei zuschauen, wie unbekannte Leser an ihrem mehr oder minder intimen Alltag teilnehmen. Dass jemand wie einst Thomas Mann seine Tagebücher auf einem Zettel mit der Anweisung versieht, sie erst zwanzig Jahre nach seinem Tod zu öffnen: Diese Idee kommt einem im 21. Jahrhundert sehr altmodisch vor.

Aber Schreiben im Verborgenen war einmal nicht nur eine Frage der Privatheit, sondern des Überlebens. In Deutschland kennt man die lebenslang geführten Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer; wenn diese der Gestapo in die Hände gefallen wären, hätte das Verhaftung, KZ und Tod des Ehepaars Klemperer bedeutet. Als die Bände aus den Jahren 1933 bis 1945 in den Neunzigerjahren erschienen, wurden sie zu einer Sensation.

Jetzt kann man das Tagebuch eines russischen Klemperer kennenlernen, das noch länger im Schutz des Verborgenen gedieh und dessen Entdeckung das Ende des Verfassers im Gulag zur Folge gehabt hätte. Der Schriftsteller Michail Prischwin führte es über ein halbes Jahrhundert, von 1905 bis zu seinem Tod 1954, meist mit Füllfederhalter am frühen Morgen, in 120 Heften – und alles an diesem Tagebuch ist ebenfalls eine Sensation. Die Gesamtedition, die seit 1991 erscheinen konnte, umfasst 18 Bände mit 13.000 Seiten, nun erscheint der erste Band einer vierbändigen deutschen Auswahl. Das Außergewöhnliche an diesen Tagebüchern ist ihr ständiges Suchen, ihr Staunen über die eigene grausame revolutionäre Epoche. Michail Prischwin, geboren 1873, hatte Agrarwissenschaften studiert, war kurzzeitig als Student wegen revolutionärer Aktivitäten verhaftet worden, fing später an zu schreiben, Erzählungen, Reiseberichte und journalistische Arbeiten. Später, in der Sowjetunion, wird man ihn als Verfasser von Naturidyllen und poetisch-unpolitischen, ländlichen Erzählungen kennen; der alte Prischwin ist ein angepasster und etablierter Autor, mit hohen Auflagen und Honoraren, politischer Abweichung unverdächtig. Das hatten die neuen sowjetischen Machthaber anfänglich noch anders und sehr viel genauer gesehen: "Ich gestehe dem Text große künstlerische Qualitäten zu, doch politisch gesehen ist er durch und durch konterrevolutionär", antwortete Trotzki 1922 dem Autor, der um die Veröffentlichung einer Erzählung gebeten hatte.

Die weltabgewandte, verträumte offizielle Seite Prischwins erweist sich im Tagebuch als Maske; sein Ich ist in seinen Notaten ein völlig anderes. Schon der jetzt erschienene erste Band, der die Jahre zwischen 1917 und 1920 umfasst, macht die innere Unabhängigkeit dieses Autors deutlich. Tagtäglich registriert er, wie die Revolution 1917 die Menschen verändert. Anekdoten, Beschreibungen und philosophische Reflexionen mischen sich, das literarische Niveau ist erstaunlich, mit Witz, Ironie, Sarkasmus und heiligem Ernst. "Die Intellektuellen reden weiter über die Zukunft und können nicht aufhören – wie ein aufgezogenes, vorwärtstreibendes Kinderspielzeug", notiert er Anfang 1918.

Schon im September 1917 hatte er die Herrschaft eines neuen, unendlich viel schrecklicheren Napoleon erkannt: "Er hat keinen eigenen Namen, er ist – der Bolschewik." Ob in Petrograd oder in seinem abgelegenen Landhaus: Überall sieht er die Veränderungen bei den Menschen, in der Sprache, im Alltag, die Verheerungen des Bürgerkriegs. Er ist gegen die Revolution, aber nicht blindlings, er akzeptiert sie nachdenklich als historische Tatsache und sinniert über seine eigene Rolle: "Für einen Intellektuellen ist das Schwierigste auf dem Dorf, dass er ein noch so großer Gegner der Bolschewiki sein kann – im Dorf sind sie ihm doch die Nächsten", stellt er im Dezember 1918 fest. Zwei Jahre später heißt es: "Die Bolschewiki zu verurteilen fällt mir schwer, denn wäre ich nicht 47, sondern 20, so wäre ich selber Bolschewik, seinerzeit war ich ungebildet, hatte keinerlei Aufgabe."