Zu alt, zu klein, zu teuer – und doch alternativlos: Für Vera Kaiser ist die Wohnung "der Brennpunkt" im Leben ihrer Familie. Da ist der Schimmel, der sich in den Zimmern in dem kleinen Mehrfamilienhaus aus den Sechzigerjahren immer wieder breitmacht. Da ist die hohe Miete, fast die Hälfte ihres Nettoeinkommens: 900 Euro für gut 90 Quadratmeter – kalt. Was noch erschwinglicher ist als die wenigen freien Wohnungen, die es sonst noch in dem 7.000-Einwohner-Ort in Süddeutschland gibt: "Wir leben in einer wohlhabenden Region, wo die Grundstücke mit Goldstaub gepudert sind", sagt die 38-jährige Mutter zweier Kinder. Und dann gibt es da noch ihren Vermieter, der immer wieder laut darüber nachdenke, das Haus an einen Investor zu verkaufen. "Diese Ungewissheit belastet uns zusätzlich", sagt Vera Kaiser, deren wahrer Name anders lautet – aus Angst vor Ärger mit ihrem Vermieter hat sie darum gebeten, ihn hier zu ändern. Denn wegziehen, sagt die Mieterin verzweifelt, komme nicht infrage, ihre Familie sei mit dem Ort verwachsen.

Wie den Kaisers geht es vielen Menschen in Deutschland. Das zeigt eine Befragung von ZEIT ONLINE und der ZEIT unter Deutschlands Mieterinnen und Mietern. Etwa jeder Dritte befürchtet nach eigenen Angaben, sich seine Miete in absehbarer Zeit nicht mehr leisten zu können; in Großstädten wie München oder Frankfurt sagt das sogar jeder Zweite. Jeder siebte Befragte hat in den vergangenen drei Jahren eine Mieterhöhung erlebt; vier von zehn Befragten würden gern umziehen, tun das aber nicht, zumeist weil es zu teuer würde.

47 Prozent aller Mieter in den fünf größten deutschen Städten haben Angst, dass sie sich bald die Miete nicht mehr leisten können. Deutschlandweit liegt der Anteil bei 37 Prozent.

Der Frust über die schnell steigenden Mieten schlägt in Angst um. Das dokumentieren auch die Berichte der ZEIT-Leser. Nicht jedes Zitat lässt sich nachprüfen, aber in ihrer Vielzahl sind sie dramatisch: "Ich traue mich nicht, nach Erneuerung des uralten aufgequollenen Laminats zu fragen, aus Angst vor einer Mieterhöhung", berichtet eine Mutter aus Freiburg im Breisgau. "Ich habe Angst, eines Tages obdachlos und verdrängt zu werden, weil mein Vermieter abreißen und das Grundstück an Investoren verkaufen will", schreibt eine Mieterin aus einem kleinen Ort nördlich von Kiel. Eine angehende Rentnerin aus dem baden-württembergischen Dossenheim plagt der Gedanke an den Ruhestand: "Meine Wohnung wird dann unbezahlbar, aber ich finde nichts Günstigeres." Und ein Familienvater sagt: "Die Miete ist viel zu hoch, ich spare bei Essen und Kleidern." Überall in seiner Stadt würden die Mieten erhöht. "Keiner wehrt sich, weil alle Angst haben, ihre Wohnung zu verlieren."

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Sobald Vermieter meinen Nachnamen »Öztürk« am Telefon hören, ist entweder die Wohnung schon vergeben oder sie ist teurer als angeworben.
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Mieter in Nürnberg
Die Mieter, die seit Jahrzehnten im Haus wohnen, leben inzwischen zu zweit auf über hundert Quadratmetern und zahlen dafür oft weniger als wir Neumieter für eine Zweizimmerwohnung.
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Paar mit Kind in München
Man kann im Raum München als Vermieter tun und lassen, was man will. Erlaubt ist, was bezahlt wird, und es wird alles bezahlt.
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Mieterin in Freising
Bei jedem Schreiben der Vermieterin steht statt »Schöne Grüße« – »Dann ziehen Sie doch aus«.
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Zweipersonenhaushalt in Mannheim
Auf die Reparatur unserer Balkontür warten wir seit mehr als zwei Jahren. Unser Vermieter, ein Finanzinvestor aus England, drückt sich vor der Instandhaltung des Hauses wo es nur geht.
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Paar in Berlin
Bei einer Besichtigung mussten alle Bewerber (circa 40) sich in eine Schlange stellen und dem Makler erzählen, was sie beruflich machen und wo.
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Zweipersonenhaushalt in Hamburg
Der Vermieter ist ein geiziger Millionär, der nach Gutsherrenart auftritt und das Haus verkommen lässt.
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Zweipersonenhaushalt in Bad Homburg
Bei einer Besichtigung war die Wohnung so voll, dass wir nicht einmal durch die Haustür gekommen sind.
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Paar in Tübingen
12,50 Euro pro Quadratmeter im sanierten Altbau erscheinen mir immer noch weit zu viel, aber wir hatten gefühlt keine Wahl, weil wir ein Zimmer fürs Kind brauchten.
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Paar mit Kind in Regensburg
Wir mussten insgesamt sechs Wochen ohne Dusche auskommen. Der eigentliche Höhepunkt war schließlich, als die Toilette kurzfristig entfernt werden musste. Wir mussten zur Übernachtung ins Hotel gehen.
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Mutter und Tocher in Mannheim
Ist man nicht in der Lage, innerhalb von 24 Stunden zu einem Besichtigungstermin zu erscheinen, ist es praktisch unmöglich, an eine Wohnung zu kommen.
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Zweipersonenhaushalt in Moosburg
Langsam aber sicher wird der Wohnungsmarkt in Leipzig dem in Berlin sehr ähnlich. Gentrifizierung ahoi!
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Zweipersonenhaushalt in Leipzig
Umziehen ist nicht möglich, da mein Partner eine Behinderung hat und arbeitslos ist. Doppelverdiener werden immer bevorzugt, obwohl ich die Miete auch allein bezahlen könnte.
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Paar in Dorsten
Ich nehme nur noch Kontakt mit meinem Vermieter auf, wenn es gar nicht anders geht. Um den Rest kümmer ich mich selbst. Das scheint seine Strategie zu sein. Bitter, aber wahr. Sie geht auf.
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Mieterin in Aachen
Parallel zum steigenden Zuzug nach Berlin haben sich auch die Mieterhöhungen meines Vermieters entwickelt: Alle zwei Jahre kommt eine Mieterhöhung von 15 Prozent. Mein Einkommen kann mit diesen Schritten der Preissteigerung nicht ansatzweise mithalten.
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Zweipersonenhaushalt in Berlin
Wir können uns gerade keine teurere Wohnung leisten und müssen für die Kinder bald eine Trennwand einziehen.
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Paar mit zwei Kindern in Rostock
Da der Kiez gerade prenzlauerbergisiert wird, habe ich auf einer Nonstop-Baustelle gelebt und jedes Jahr Mieterhöhungen von elf Prozent durch die Luxussanierung mitmachen müssen.
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WG-Bewohner in Berlin
Nachdem Unmengen Wasser aus unseren Badezimmer-Deckenlampen kamen, war unserer Vermieterin die Reparatur zu teuer. Sie ließ einfach die Stellen der Lampen komplett mit Rigipsplatten zumachen.
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Studentenpaar in Köln
Unser Mehrparteienhaus wurde von einem Miethai aufgekauft, der allen kündigte, um mit Einzelzimmervermietungen mehr Miete kassieren zu können.
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Paar mit Kind in Ulm
Es ärgert mich sehr, allein in unserem Hauseingang derzeit von drei leer stehenden Wohnungen zu wissen, die für unsere Familiensituation passend wären.
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Paar mit zwei Kindern in Berlin
Ich musste ein Jahr ohne Küche leben, nachdem ein vom Vermieter beauftragter Handwerker die Elektrik nur halb erneuert hatte.
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Mieterin in Köln
Die Mietpreisbremse wird überall ausgehebelt, was bezahlbar ist, wird meist mit exorbitanten Mindestmietdauern und/oder Staffelmieten gespickt.
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Mieter in Hamburg
Bei Heizungsausfall von drei Häusern mit jeweils zehn Mieteinheiten im November wurde mehrere Wochen nicht mit den Mietern kommuniziert.
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Zweipersonenhaushalt in Berlin
Verhandeln lohnt sich: Als letztes Jahr von der Hausverwaltung eine Mieterhöhung kam, habe ich widersprochen und deutlich gemacht, dass ich es auf eine Klage ankommen lasse.
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Mieter in Berlin

Mehr als 6500 Mieterinnen und Mieter aus dem gesamten Bundesgebiet haben an der Befragung zu ihrer Wohnsituation teilgenommen. Marktforschungsexperten von Statista haben ihre Angaben so gewichtet, dass die Befragung repräsentativ wurde für alle Mieter in Deutschland. Die Daten passen in eine Zeit, in der die Lage auf dem Wohnungsmarkt die Menschen besonders aufbringt: 2019 gingen in Berlin und anderen Städten Zehntausende auf die Straße; für Ende März rufen 78 Initiativen zu bundesweiten Protesten gegen den "Mietenwahnsinn" und für ein "Ende der Bodenspekulation" auf.

5 Prozent der befragten Mieter mussten in den letzten drei Jahren umziehen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten.

Auch viele der Mieter haben den Eindruck, dass die Finanzspekulation ihre Situation verschlechtert. Besonders unzufrieden sind diejenigen, deren Wohnung mehrmals den Besitzer gewechselt hat; sie beklagen sich besonders oft über den Zustand ihrer Wohnung, die Miethöhe und den Vermieter selbst. Die 58-jährige Christine Hundertmark aus Fulda etwa hat drei Eigentümer erlebt; als ihre Wohnung noch dem Bundesvermögensamt gehörte, sei das Haus gut in Schuss gewesen. Erst habe das Amt die Wohnungen an ein Konsortium aus Geschäftsleuten verkauft; dann, vor zehn Jahren, hätte wieder ein anderer Besitzer das Haus übernommen und alle drei Jahre die Miete erheblich erhöht, ohne in die Modernisierung zu investieren.

Tatsächlich dürfen Vermieter die Miete alle drei Jahre um bis zu 20 Prozent erhöhen, um sie auf die Höhe der ortsüblichen Vergleichsmiete zu hieven. Das wird schnell zur Belastung: Christine Hundertmark sagt, sie heize inzwischen nur noch Bad und Küche, um Geld zu sparen. Sie wisse auch nicht, wie lange sie die 76 Stufen zu ihrer Wohnung noch hinaufsteigen könne. Gern würde sie in eine altersgerechte Bleibe ziehen, doch sie findet nach eigenen Angaben in Fulda nichts Bezahlbares. "Jetzt bleibe ich notgedrungen hier", sagt Hundertmark, "und wickele mich in den kalten Wintertagen fest in meine Decke."

Die Angst der Älteren

Altersgerechtes Wohnen bleibt für viele Menschen ein Wunschtraum

Wenn Ulrich Ropertz zeigen will, was auf dem Wohnungsmarkt falsch läuft, dann deutet der Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes aus den Fenstern seines Büros in Berlin. Dort reckt sich das Grandaire in den Himmel – ein 20-geschossiger Neubau mit rund 150 Luxuswohnungen. Fast alle sind bereits verkauft, aber im 17. Stock wäre aktuell noch eine Bleibe zu haben, für fast 15.000 Euro pro Quadratmeter.

"Und am Ende werden viele der Wohnungen nur als Zweitwohnung genutzt", glaubt Ropertz, "Wohnraum wird heute zu oft nicht zur Versorgung, sondern zur Kapitalanlage gebaut."