Im Juli 2019 erging erstmals ein Bußgeldbescheid auf Grundlage des "Netzwerkdurchsetzungsgesetzes": Facebook droht eine Zahlung in Höhe von zwei Millionen Euro, weil sich die Plattform nicht konsequent gegen Hassrede einsetze. Offenbar muss juristisch an grundlegende Regeln des guten Benehmens erinnert werden. Auf der einen Seite entfalten die sozialen Medien ihre enthemmende Wirkung, auf der anderen Seite bewirtschaften populistische Bewegungen die gesellschaftlichen Ressentiments und machen mit heftigen Abneigungen gezielt Politik. Um all das geht es Karl Heinz Bohrers Studie über "literarische Hass-Effekte" ausdrücklich nicht. Anstelle der politischen Vernutzung oder der psychologischen Normalisierung intensiver Gefühle richtet er die Aufmerksamkeit auf die "poetologische Signifikanz des Hasses im Werk bedeutender europäischer Dichter". Der 87-jährige Literaturwissenschaftler interessiert sich nicht für Ideologiekritik, Gendergerechtigkeit, die Niederungen der populären Literatur oder die Historisierung der Kunst, sondern feiert den Zugewinn an Ausdrucksvermögen, den sich die hohe Poesie durch schöne Aggressivität verschafft. "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" – so ein Wort würde ihm nie über die Lippen kommen.

Bohrer unterscheidet die "diskursive" Hassrede, die das "Denken durch politisch-ideologische Stereotype" besetzt, strikt von der "imaginativen" Hassrede als "Effekt des literarischen Stils". In der Neuzeit brilliert zunächst der englische Dramatiker Christopher Marlowe (1564–1593) mit einem "einmaligen Stil der Gewalt". Tatsächlich ruft der Renaissance-Dramatiker, der Ovid, Seneca, Vergil und Lucan genau gelesen hat, eine beachtliche Riege von Scheusalen auf die Bühne: überhebliche Herrscher, gewissenlose Meuchelmörder, intrigante Schwächlinge und Möchtegerns, die zur Rettung ihres Vermögens schon einmal die eigene Tochter mitsamt einem ganzen Kloster voller Nonnen um die Ecke bringen. Vor allem aber jenen skythischen Hirten, der die halbe Welt erobert und mit der Leiche seiner geliebten Frau brandschatzend durch die Gegend zieht: Tamburlaine bezahlt seine Hybris zwar mit dem Leben, seine Nachkommen werden jedoch weitermorden und "bis zum Kinn im Blute waten".

In ideengeschichtlicher Perspektive inszeniert Marlowe die radikal pragmatische Auffassung von Politik, die der Machiavellismus seiner Zeit angeboten hat. Die Dramen reagieren aus dieser Perspektive mithin lediglich auf die Erfindung "autonomer Machtpolitik". Erklären solche historischen Ableitungen aber, so Bohrers insistierende Frage, jene sprachlichen Höhenflüge, zu denen sich etwa ein Gefangener Tamburlaines emporschwingt, bevor er sich selbst das Hirn an den Gitterstäben seines Käfigs aus dem Schädel haut? Man muss diese Stelle ausführlicher zitieren (in der Übersetzung Wolfgang Schlüters): "O höchstes, ewig-jupiterisch Leuchten, / o fluchbeladner Tag, von meinem Leid befleckt, / birg dein besudelt Antlitz nun in ewger Nacht / und schließ des heitren Himmels Fenster zu. / Laß grauses Dunkel nun in rostgem Karren, / gehüllt in Wolken-Pech, und sturmgegürtet, / die Erd mit nievergehnden Nebeln sticken; / laß aus den Nüstern seine Rosse schnauben / rebellsche Winde, fürchterlichen Donnerschlag: / daß Tamburlan in diesem Grauen leb’, und meine / gepeinte Seel, in flüss’ge Luft zerlöst, / ihm das gemartet Denken noch mehr geißeln möge. / Laß dann den stein’gen Pfeil fühlloser Kälte / mein welk gewordnes Herz durchbohrn / und einen Fluchtgang schaffen dem verhassten Leben."

Bohrer setzt ganz auf solche Momente. Er rettet die "Hass-Effekte" vor der Handlung; die rhetorischen Dimensionen interessieren Bohrer ebenso wenig wie der Status von Dichtung in einer bestimmten kultur- oder sozialhistorischen Konstellation. Er entfesselt stattdessen die poetische Energie, die über Jahrhunderte hinweg ihre einnehmende Kraft entfaltet. Der literaturhistorische Weg führt dabei vom Hass auf große Ideen und Vorstellungen über eine "Säkularisierung der Hassobjekte" zur Aversion gegen das "banale Leben". Nach Bohrers emphatischen Lektüren von Shakespeare, Kleist, Céline oder Houellebecq stellt sich die Frage, ob man seine begrenzte Lebenszeit wirklich dem aktuellen Uckermark-Roman über die Wohlstandsprobleme verwöhnter Prenzlberg-Bewohner widmen soll oder nicht doch lieber der (erneuten) Lektüre von John Miltons Paradise Lost, Baudelaires Fleurs du mal und Strindbergs radikalen Beziehungsendspielen.

Im Lauf der Zeit stellt sich allerdings auch die Frage, ob man Bohrer die ganze Strecke seines Buchs folgen muss, weil sich die Interpretationsgesten wiederholen: Diese Stelle hier bezeuge die "Intensität" der Poesie, jene aber verweise nur auf die ideologische Vereinnahmung starker Affekte. Hier spreche eine Passage die "Imagination" an, dort begnüge sich ein Text mit diskursivem Allgemeingut. Bohrer lässt seinem kulturkritischen Hass freien Lauf, wenn große Werke als "pralle Pakete" aufgeschnürt werden, "aus denen die Menschheit kriecht". Wenn aber das Besondere nicht ans Allgemeine verraten werden darf, müssen die Werke für sich selbst sprechen – daher wird in diesem Buch sehr viel zitiert. Bohrer beschwört die "unbegrenzte Bewegung" der Vorstellungskraft, letztlich zeigt er jedoch nur energisch auf jene Stellen, die den gesuchten "Hass-Effekt" erzielen sollen.

Warum aber müssen die "Grenzen des Ästhetischen" überhaupt so penibel gezogen werden? Warum kann es kein Zeichen poetischer Komplexität und Intensität sein, dass die literarische Rede diverse Ausdrucksformen verbindet, dass sich bedeutende Werke in die historische Textur ihrer Zeit einflechten und zugleich eine überhistorische Faszinationskraft entfalten, dass radikale Subjektivität sich mit feinstem Gespür für allgemeine Belange zur Geltung bringt? Auf Dauer läuft es ins Leere, wenn der Eigensinn des Ästhetischen gegen andere Aspekte reflexhaft ausgespielt wird. Wie sehr hätte man sich etwa von Bohrer nicht nur eine Hymne auf den schönen Hass, sondern zugleich ein Kapitel über die Hässlichkeit aggressiver Rede gewünscht, um unsere Gesellschaft auf ihre immensen ästhetischen Defizite hinzuweisen. So aber möchte man die grandiose Schlussformel von Karl Philipp Moritz’ Manifest der klassischen Autonomieästhetik über die "bildende Nachahmung des Schönen" von 1788 abwandeln: Von sterblichen Lippen lässt sich kein erhabeneres Wort vom schönen Hass sagen als: Er ist.

Karl Heinz Bohrer: "Mit Dolchen sprechen". Suhrkamp, Berlin 2019; 493 S., 28,– €, als E­-Book 23,99 €