Gertrude von Holdt erinnert an einen Seemann. Der 71-jährigen Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem braun gebrannten Gesicht traut man direkt mehr Kraft zu, als ihr hagerer Körper auf den ersten Blick ausstrahlt. Ihr Terrier hört auf den Namen Störtebeker. Irgendwie auch passend.

Ein knappes "Moin" zur Begrüßung an der Haustür, ein kalter Tag Anfang Juli, der erste von zwei Besuchen auf Hallig Hooge im Wattenmeer von Schleswig-Holstein unweit der dänischen Grenze.

Auf der Hallig ist man schnell per Du, was aber nicht mit Nähe zu verwechseln ist. Von Holdt wohnt auf der Schulwarft, insgesamt neun Warften gibt es auf Hooge, künstlich aufgeschüttete Hügel mit Backsteinhäuschen. Bei gutem Wetter kann von Holdt mit ihrem Feldstecher vom Küchenfenster aus den Seehunden auf den Sandbänken zusehen. Oft schaut sie auch tagelang nur in eine trübe Suppe. Man muss hier wirklich leben wollen, sagt von Holdt immer wieder. Rund einhundert Menschen sind auf Hooge dauerhaft zu Hause. Die Brandung spült zusätzlich jährlich 90.000 Tagestouristen an Land, hinzu kommen 45.500 Übernachtungen. Früher brachten die Sturmfluten Chaos und Zerstörung, in manchen Fällen den Tod. Heute waten Touristen in Gummistiefeln umher, wenn mal wieder "Land unter" ist.

Gertrude von Holdt würde gerne selbst mehr reisen, am liebsten mit einem Containerschiff über die Weltmeere. Hauptsache, die heimische Hallig mal wieder für längere Zeit verlassen können. Als sie vor neun Jahren vertretungsweise die Pfarrstelle auf Hooge übernommen hat, dachte sie, das sei höchstens für ein paar Monate. Sie wäre längst froh darum, abgelöst zu werden, in den Ruhestand gehen zu können, sagt sie. Doch zwischen ihr und der Gemeinde scheint ein enges Band gewachsen, das sie zugleich am Gehen hindert. Es bleibt die Frage: Wer braucht hier eigentlich wen?

Seelsorge auf einer Hallig ist auch Heimatpflege. Jeder kennt jeden, die Menschen sind aufeinander angewiesen, gemeinsam den schroffen Naturgewalten ausgeliefert, das verbindet. Kein Vergleich zu einer anonymen Großstadtgemeinde, dem Nebeneinanderher ohne Anbindung.

Doch das erschwert auch einen Pfarrerwechsel auf Hooge, die Akzeptanz eines neuen, eines fremden Pastors fällt offenbar schwer. Bislang hat das enge Band zwischen Gertrude von Holdt und ihrer Gemeinde noch jeden potenziellen Nachfolger vom Bleiben abgehalten.

"Die Menschen hier sind mir unendlich wichtig", sagt von Holdt. "Ich weiß genau, wie sie ticken. Und sie wissen, wie ich ticke." Ihre Stimme klingt nach vielen Zigaretten. Sie raucht sie gewöhnlich in zwei Etappen, zwischendurch ragt der Stängel wie eine Palme aus dem Aschenbecher.

Gegen die Bezeichnung "Laienpredigerin" würde sich Gertrude von Holdt wehren, sie war lange Prädikantin in der evangelischen Kirche auf Hooge. Seit rund fünf Jahren ist sie mit allen Rechten einer Pastorin ausgestattet. Und das auch ohne Theologiestudium. Die Bürokratie nimmt fernab des Festlands deutlich kürzere Wege. Der Bischof ist ja auch weit weg.

Von Holdt predigt, tauft, beerdigt. Sie schreibt Sitzungsprotokolle, begleicht Rechnungen, beantwortet Mails des Kirchenkreises. Sie war immer da für alle: die Hooger, die Feriengäste, auch für die Familie aus Afghanistan, die vor ein paar Jahren auf die Hallig gezogen ist. Von Holdt tanzte bei Festen bis vier Uhr morgens in der Kneipe und stand um zehn Uhr am nächsten Morgen wieder auf der Kanzel, so erzählt sie es. Inzwischen ist ihr das alles zu viel geworden.

Entlastung erhoffte man sich auf Hallig Hooge von den Ferienpastoren, die für wenige Wochen zur Vertretung auf die Hallig kommen. Von Holdt hat wenig übrig für diese Ausflügler, daran lässt sie keine Zweifel. Oft ist Hallig Hooge für die Ferienpastoren nur Auszeit vom Festlandstress. Geblieben ist seit fünf Jahren niemand. Und von Holdt hätte das Gefühl, ihre Gemeinde im Stich zu lassen, würde sie jetzt gehen. An dem Umgang Gertrude von Holts mit den Pastoren, die als Hilfen kamen, zeigt sich, wie schwer sich Hooge und von Holdt voneinander lösen können.