Die Welt feiert einen Nasa-Praktikanten: Wolf Cukier, den 17-Jährigen, der bei der US-Raumfahrtbehörde einen bisher unbekannten Planeten entdeckt hat. Es war der dritte Tag seines Praktikums, als er "TOI 1338 b" durchs Teleskop erspähte. 1300 Lichtjahre entfernt und siebenmal so groß wie die Erde. Von CNN bis zum Delmenhorster Kreisblatt haben Medien über Wolf berichtet. Ich freue mich für ihn. Denn ich weiß: Im Praktikum Anerkennung zu bekommen ist schwer.

Auch ich bin seit Januar Praktikantin, aber weniger beachtet. Das geht vielen von uns so, obwohl der Arbeitsmarkt uns braucht. Wir, etwa eine halbe Million Praktikantinnen und Praktikanten in deutschen Unternehmen, halten vielerorts den Laden mit am Laufen. Wir bringen frische Gedanken von Universitäten und Schulen mit, diverse Interessen und neue Fachkenntnisse, Motivation und Ehrgeiz sowieso. Und falls das Klischee stimmt, dass wir Kaffee kochen müssen, halten wir auch noch den Betrieb wach. Aber wer feiert uns?

Ich habe keinen Planeten entdeckt, bin zehn Jahre älter als Wolf Cukier und habe meinen ersten Tag zunächst mit Warten verbracht, weil mein Büroplatz noch nicht komplett ausgestattet war. Dabei steht seit Wochen fest, dass ich an diesem Tag anfange. Ich bin 794 Kilometer weit umgezogen und wusste schon lange vorher, welches Outfit ich an Tag eins tragen würde. Drei Monate stehen mir bevor, in denen ich täglich versuchen werde, mich für einen Job zu bewähren oder wenigstens nicht zu blamieren. Ich werde mich über verantwortungsvolle Aufgaben freuen und gleichzeitig davor fürchten, an ihnen zu scheitern. Ich hoffe sehr, dass ich wahrgenommen werde und nicht schon wieder vergessen bin, bevor meine E-Mail- Adresse gelöscht wird.

Das Gefühl ist mir vertraut. Es ist mein neuntes Praktikum. Und es soll mein letztes sein. Dann bin ich ausgebildet, ausstudiert und bekomme daher keine Pflichtpraktikumsbescheinigung mehr. Dieses komplizierte Wort benennt die Voraussetzung für Unternehmen, uns Praktikantinnen und Praktikanten wenig oder nichts zu zahlen.

Eigentlich sollte es damit vorbei sein: Vor fast sechs Jahren kündigte Andrea Nahles, damals SPD-Bundesarbeitsministerin, das Ende der "Generation Praktikum" an. Sie wollte den Kreislauf aus schier endlosen Praktika zerschlagen, in dem junge Menschen vor allem als billige Arbeitskräfte dienten. Richten sollte das der Mindestlohn. Für jedes Praktikum, das länger als drei Monate und nicht verpflichtender Teil des Studiums ist, muss der Arbeitgeber Mindestlohn zahlen: 9,35 Euro pro Stunde. Gebracht hat das oft nur, dass Praktika kürzer wurden. Wer sechs Monate Praxiserfahrung freiwillig während des Studiums sammeln will, macht jetzt eben zweimal drei Monate. Damit kam das Problem aus den Schlagzeilen, aber leider nicht aus der Welt.

Wenn ich kein Stipendium bekäme, würde mir das nötige Geld für ein Praktikum fehlen. Meine Eltern haben mich während meines Bachelorstudiums unterstützt, jetzt kann und will ich nichts mehr von ihnen nehmen. Praktika sollen junge, engagierte Menschen fördern. In Wahrheit muss man sie sich leisten können, man zahlt immer drauf. Ich arbeite Vollzeit, im Vertrag stehen 36 Stunden, aber welcher Praktikant kennt nicht Überstunden oder Arbeit an Wochenenden? Mein Stundenlohn beträgt nun 4,10 Euro. Damit kann ich kaum das WG-Zimmer zahlen, die Fahrkarte oder den Inhalt meines Kühlschranks. Mit einer Freundin, die ebenfalls Praktikantin ist, teile ich mir in den ersten drei Wochen eine Einzimmerwohnung. Nur so geht es.

Mir ist klar: Auch wir haben etwas von unseren Praktika, indem wir Fähigkeiten erlernen, Erfahrungen sammeln, Kontakte knüpfen. Aber wenn es dafür kaum oder gar kein Geld gibt, wollen wir wenigstens Anerkennung. Nicht nur wir sind auf Praktika angewiesen, sondern auch viele Unternehmen auf uns. Das wird leider oft vergessen. Und es soll bitte schön keiner so tun, als ob Wolf Cukier aus einer anderen Galaxie kommt, weil er als Praktikant etwas gerissen hat.