Allein vier Missionen zum Mars sollen in diesem Jahr starten, zwei Sonden zur Sonne und ein Apparat, der vom Mond Bodenproben nehmen kann. Gleichzeitig stehen die ersten bemannten Flüge von mindestens zwei neuen Raumkapseln an, der Jungfernflug der Riesenrakete Starship, und es wartet eine schwindelerregende Menge von Satelliten auf ihren Transport in die Erdumlaufbahn. Und alle sind auf dieselben Vehikel angewiesen: 2020 ist ein Jahr der Raketen, und es könnte ein Rekordjahr werden. Ganze 147 Starts sind geplant. Das wären mehr als im bisherigen Rekordjahr 1967, als mitten im Space-Race der Supermächte Sowjets und Amerikaner 139 Raketen auf die Startrampe stellten.

Anders als damals stellt sich heute beim Anblick der gewaltigen Abgaswolken aus den riesigen Triebwerken die Frage nach den Folgen. Wie dreckig sind die? Wie viel tragen sie zum Klimawandel bei? Was richten ihre Bestandteile in hohen Atmosphärenschichten an? Bei der Suche nach Antworten warten Überraschungen ebenso wie große Wissenslücken.

Die erste Überraschung dürfte sein, dass der Kohlendioxid-Ausstoß kaum ins Gewicht fällt. Rund ein Viertel ihres gewaltigen Treibstoffvorrats verbrennt eine Rakete gleich nach dem Abheben auf den ersten Kilometern ihres Weges. In diesen – aus dem All betrachtet – geringen Höhen sind auch Verkehrsflugzeuge unterwegs. Der Luftverkehr trägt dort rund 2,5 Prozent zu den weltweiten Emissionen bei. Und auch wenn eine startende Falcon Heavy, die momentan stärkste Rakete der Welt, den 18-fachen Schub eines Jumbojets entwickelt: Es fliegen viel mehr Jets als Raketen, und das sehr viel häufiger. "Der Treibstoffverbrauch von Flugzeugen übersteigt den von Raketen etwa um den Faktor 10.000", schreibt der Kalifornier Martin N. Ross, der seit einem Vierteljahrhundert die Folgen von Raketenstarts erforscht. Der Weltklimarat erwähnt Raketen in seinem aktuellen Sachstandsbericht nicht einmal. "Unbedeutend im Klimawandel-Kontext", schätzt Ross – sowohl, was CO₂ aus den Triebwerken betrifft, als auch den freigesetzten Wasserdampf (auch der ist ein Treibhausgas).

Andere Stoffe im Raketenabgas beschäftigen die Forscher deutlich mehr: feine Rußpartikel und winzige Teilchen aus Aluminiumoxid. Raketen stoßen viel mehr davon aus als Flugzeuge. Und während Flugzeuge in der Troposphäre (also in den untersten 8 bis 15 Kilometern der Erdatmosphäre) bleiben, durchqueren Raketen auf ihrem Weg ins All Luftschichten, die keine andere menschengemachte Schmutzquelle je erreicht. Und dort können die winzigen Teilchen dann drei bis vier Jahre lang schweben. Die Dimension der Verschmutzung wird durch einen Vergleich klar: Aus dem Weltall regnen unablässig Meteoriten auf die Erde, meist klitzeklein. In der Lufthülle erhitzen sie sich, zerbrechen, übrig bleibt Staub, der durch die Atmosphäre schwebt. Und Hochrechnungen zufolge entspricht die Menge des Raketenstaubs immerhin einem Viertel dieses Meteoritenstaubs.

Der Ozonschicht, das ist die gute Nachricht, scheint das kaum zu schaden. Im jüngsten ihres alle vier Jahre erscheinenden Berichts zum Zustand dieser Schutzschicht in der Stratosphäre (bis 50 Kilometer Höhe) spricht das Umweltprogramm der Vereinten Nationen von einem kleinen Effekt, "viel weniger als ein Promille". Es war das erste Mal überhaupt, dass im Ozonbericht ausführlich auf die Emissionen der Raumfahrt eingegangen wurde. Aber die Autoren verwendeten mindestens ebenso viel Mühe auf die Aufzählung der offenen Fragen wie auf die Zusammenfassung des Wissensstandes.

Zu dem gehört die Einsicht, dass der Raketenruß (anders als das CO₂) durchaus eine nennenswerte Wirkung auf das Klima entfaltet, allerdings eine verblüffende. Partikel hoch in der Atmosphäre, auf die dort Sonnenstrahlen treffen, verhindern, dass dieselben Strahlen weiter auf Teilchen treffen und diese erwärmen können. Dieser Effekt ist unstrittig. "Daher, und vielleicht überraschenderweise, tragen die Emissionen aus Raketenstarts zur Abkühlung der unteren Atmosphäre und der Erdoberfläche bei", schrieb Martin Ross im Herbst im Magazin Eos der American Geophysical Union. Er rechnete hoch, dass dieser Kühleffekt fast so groß sei wie die Erwärmung durch die Emissionen aller Verkehrsflugzeuge.

Allerdings gibt es bislang kaum Messungen zu den chemischen Wechselwirkungen der Partikel in großer Höhe. Gut möglich, dass wichtige Effekte noch übersehen werden – bei der Klimawirkung ebenso wie beim Ozonabbau und dem Einfluss der allwärts zeigenden Abgasfahnen auf die Wolkenbildung.

Währenddessen gewinnt die Erforschung der Ökobilanz von Raketen rasant an Relevanz. Erwartet wird, dass irgendwann in den Zwanzigerjahren statistisch gesehen jeden Tag irgendwo auf der Erde eine Mission ins All abhebt. Das Raketenjahr 2020 ist da nur der Anfang.