Gar niemand hat die Absicht, eine Grenze zu errichten, jedenfalls keine aus Beton und Stacheldraht. Doch wünscht sich Horst Seehofer, Minister des Innern und der Heimat, dass es an großen Bahnhöfen bald zugeht wie am Passschalter der Flughäfen: Keiner bleibt unerkannt, alle haben sich auszuweisen.

Diese Art von Dauerkontrolle, die selbst gewöhnlichen Pendlern das Gefühl vermittelt, sich permanent auf der Einreise zu befinden, wird selbstverständlich nicht mühsam von Beamten übernommen werden. Man hat für so etwas Maschinen. Aus kaltem Auge schauen sie auf das Treiben der Menge, ziehen sich die Individuen heraus und klären ihre Identität, ohne dass es irgendwer mitbekommt. Es reicht der Blick aufs Gesicht. Punkt, Punkt, Komma, Strich, schon ist es ausgelesen.

Vorläufig ist es nur ein Gesetzentwurf, mit dem Seehofer die Macht der 41.000 Bundespolizisten ausweiten möchte. Er will mehr Sicherheit, was sonst, und daher scheint es geradezu zwingend, an 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen eine automatische Gesichtserkennung zu installieren. Und dient es nicht wirklich einem guten Zweck? Niemand kann ja etwas dagegen haben, dass Terroristen, Drogenschmuggler, Mädchenhändler in die optische Falle gehen.

Kritiker werden einwenden, die Technik sei noch lange nicht ausgereift und vor allem bei Frauen und Migranten tendiere die Software zu Fehldiagnosen und also Fehlfestnahmen. Doch das, werden die Befürworter sagen, seien lösbare Probleme, schließlich handele es sich um lernende Systeme, und gerade in China, dem Land der Totalkontrolle, zeigten sich die schönsten Fortschritte. Je mehr gespäht wird, desto klarer das Bild.

Und ist es nicht ohnehin so, dass viele Menschen ihr privates Leben arglos veröffentlichen? Das Selfie, in alle Welt verstreut, gilt längst als unverzichtbare Möglichkeit, die eigene Existenz zu beglaubigen und sein Befinden kundzutun. Binnen weniger Jahre ist das abgelichtete Gesicht zum Synonym für Unverwechselbarkeit geworden – und wird nun zum Garanten der öffentlichen Ordnung.

Alle, die ihr Ich so freizügig medialisieren, leben längst in einer Überwachungswelt, beherrscht von Datenkonzernen, und so wirkt die alte Warnung vor dem bösen Überwacherstaat fast antiquiert. Doch sollte sich niemand täuschen, die Gefahr, die von Seehofers Plänen ausgeht, ist kaum zu unterschätzen. Denn während die Selbstentblößung im Internet meist freiwillig erfolgt und Teil einer Geschäftsbeziehung ist (ich bekomme Google Maps, dafür bekommt Google Maps meine Bewegungsdaten), beruht ja das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat auf dem Recht. Dieses Recht garantiert dem Einzelnen, mit öffentlichen, von ihm mitfinanzierten Bussen und Bahnen zu reisen, ohne dafür seine Identität als Gegenleistung offenlegen zu müssen. Man vertraut sich halt.