DIE ZEIT: Herr Niggli, Sie sind in einem kleinen Dorf im konservativen Kanton Solothurn aufgewachsen. Wie kam es, dass Sie ein weltweit gefragter Ökopionier wurden?

Urs Niggli: Meine Rettung war, dass ich früh von Wolfwil wegkam. Als ich 15 war, zogen wir nach Lenzburg. Ich besuchte die Kanti Aarau, die damals schwer von den Achtundsechzigern inspiriert war. In dieser Zeit ging die bekannte Experimentalklasse gerade zu Ende. Die Schüler organisierten sich selbst, machten viel Kunst. Ich kannte ein paar von ihnen. Das waren meine Heros!

ZEIT: In Wolfwil hatten Sie auf einem Bauernhof gewohnt.

Niggli: Im Garten hinter dem Haus wuchsen mindestens 30 verschiedene Obstsorten. Äpfel, Birnen, Reineclauden. Ich könnte Ihnen jede Sorte nennen, ihren Geschmack beschreiben, ihr Aussehen.

ZEIT: Das klingt nach einem Bauernidyll.

Niggli: Für mich als Kind war es ein Idyll. Aber nicht nur. Meine Großmutter erzählte mir immer wieder, wie unglaublich hart es für sie gewesen sei, als der Großvater während des Zweiten Weltkriegs an der Grenze stand und sie den Hof allein durchbringen musste, zusammen mit einem behinderten Knecht. Wie sie immer wieder bis zur körperlichen Erschöpfung arbeiten musste. "Das wünsche ich niemandem!", sagte sie. Diese Erzählungen haben mich davon abgehalten, das Bauernleben zu romantisieren. Ich schätze die Natur sehr, bin aber genauso fasziniert vom Menschen, der die Natur kultiviert. Die Sortenvielfalt ist eine gigantische kulturelle Leistung.

ZEIT: Nach der Matura haben Sie an der ETH Agronomie studiert.

Niggli: Mit 18 zog ich in eine WG, lernte dort meine spätere Frau kennen. Wir waren Selbstversorger, pflanzten Gemüse an und produzierten tonnenweise Zucchetti, die so groß wurden, dass wir sie gar nicht mehr essen konnten. Auf dem Hungerberg am Südhang von Aarau hielten wir Milchschafe. Die Wolle färbten wir mit Pflanzenfarben, versponnen sie und strickten daraus Pullover.

ZEIT: Sie auch?

Niggli: Klar. Ich strickte mir ein auffallend farbiges und schönes Exemplar, das ich jeweils anzog, wenn ich an die ETH ging.

ZEIT: Nach dem Studium haben Sie die Seite gewechselt und in Forschungseinrichtungen des Bundes über Pestizide geforscht. Wie passt das zu den langen Haaren, die Sie damals trugen?

Niggli: Ich gebe zu, ich war fasziniert von der Idee zu spritzen. Zack! – schon ist das Problem gelöst. Meine Dissertation habe ich in der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Zürich-Reckenholz gemacht. Da hatte ich den Auftrag, das Potenzial und die Limiten von Herbiziden im Grasland zu erforschen.

ZEIT: Sie haben das einmal als Macho-Landwirtschaft bezeichnet.

Niggli: Das war es auch! Dabei war schon damals klar: Grasland kann man nur mit einem ganzheitlichen Ansatz gut bewirtschaften. Das Vieh ist produktiver und gesünder, wenn man ihm möglichst viele verschiedene Gräser und Blumen bietet. Einzelne Unkräuter wie der Stumpfblättrige Ampfer nehmen nur dann überhand, wenn man etwas falsch macht. Also zu viel düngt oder mit zu schweren Traktoren über die Felder fährt. Da kann man noch so viele Herbizide spritzen: Nach ein, zwei Jahren kommt das Unkraut zurück.

ZEIT: Später leiteten Sie die Abteilung Herbologie an der Forschungsanstalt in Wädenswil und gehörten zu jenem Gremium, welches das Unkrautvertilgungsmittel Roundup in der Schweiz bewilligte. Besser bekannt ist es unter dem Namen des Wirkstoffes, auf dem es basiert: Glyphosat ...

Niggli: ... das Schreckgespenst jeder deutschen NGO! Der Stoff hat Symbolcharakter und zeigt, wie hilflos der Umgang mit dem Thema ist.

ZEIT: Warum hilflos?

Niggli: Weil es falsch ist, einzelne Technologien zu verdammen. Wir müssten die Landwirtschaft grundlegend umkrempeln und nicht über einzelne Anwendungen streiten. Aber es gibt ein Unvermögen in unserer Gesellschaft, den Reset-Knopf zu drücken. Die Sachzwänge sind zu groß, und die Konsumenten machen nicht mit. Die Menschen wollen einen möglichst kleinen Teil ihres Einkommens für das Essen ausgeben.

ZEIT: Wie kam es, dass Sie 1989 kündigten und aus dem Pestizidexperten Niggli der Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL in Frick wurde?

Niggli: Ich habe gemerkt, dass diese einfachen Technologien zu einer Simplifizierung der Landwirtschaft führen: Zum Glyphosat gehört das genveränderte Saatgut. Daraus ergibt sich aber eine Reduktion der Fruchtfolgen. Das heißt, es werden weltweit vor allem Mais, Soja und Raps angebaut. Und zwar im hoch industrialisierten und schwer mechanisierten Stil. Mir wurde bewusst, dass wir zu komplexen Systemen zurückkommen müssen. Zu vielfältigen Mischkulturen, zu natürlichen Stoffen und Kreisläufen – und einem konsequenten Umweltschutz.