Meine Pariser Buchhändlerin sagte: "Klar habe ich das Buch gelesen. Die Autorin ist unbekannt, aber ihre Geschichte sehr effizient." Eine Woche später lässt sich sagen, dass Vanessa Springora in Frankreich keine Unbekannte mehr ist: So sehr hat ihr Buch Die Einwilligung (Le Consentement), das Anfang Januar erschien, eingeschlagen. Es gebe von nun an für die französische Literatur ein Vor und Nach der Einwilligung, so wie es ein Vor und Nach der Harvey-Weinstein-Affäre für den amerikanischen Film gebe, diagnostizieren die Pariser Feuilletons. Der Grund ist offensichtlich: Diesem Buch lässt sich nicht widersprechen.

Darin schildert die heutige Leiterin des Pariser Julliard-Verlags, wie sie als 14-jähriges Mädchen zur Liebhaberin des damals 50-jährigen französischen Schriftstellers Gabriel Matzneff wird und dieser sie rücksichtslos sexuell ausbeutet. Springoras Darstellung ist auch gegenüber sich selbst rücksichtslos. Sie erklärt ihre Einwilligung, beschreibt ihre vaterlose Kindheit und den sozialen Niedergang der Mutter und wie sie selbst irgendwann als Teenagerin "alle Bedingungen erfüllt", um freiwillig zum sexuellen Kindesopfer eines 50-Jährigen zu werden. Der Täter aber verhüllt erst gar nicht seine literarischen Absichten: Sein Roman, habe er dem Mädchen erzählt, sei "der große Zeuge ihrer sonnenhaften Liebe", berichtet Springora. Sie darf seine Aufzeichnungen in einem Moleskine-Notizbuch zwar nicht lesen, aber sie werden später alle veröffentlicht: Seit 1990 erschienen bei Gallimard die Tagebücher des heute 83-jährigen Matzneff – bis vergangene Woche. Erst als die Einwilligung Gehör findet, stellt der Verlag ihr Erscheinen ein. Auch dies ein ganz spezieller Skandal.

Der französische Literaturbetrieb feierte Matzneff für seine pädophilen Schriften, die die Sexualität von und mit Kindern verherrlichen. Matzneff bekam in den Neunzigerjahren regelmäßig Einladungen zur berühmten Literaten-TV-Talkshow Apostrophes des Moderators Bernard Pivot, dem über Jahrzehnte einflussreichsten französischen Literaturkritiker, der ihn sogar heute noch verteidigt. Viele andere große Gestalten der Literaturszene hofierten Matzneff, darunter die Schriftsteller Philippe Sollers und Frédéric Beigbeder. Beigbeder sorgte maßgeblich dafür, dass Matzneff noch 2013 den prestigeträchtigen Renaudot-Literaturpreis für seine Essayistik erhielt: "Die ehrenvolle Auszeichnung für einen Mann, der die Pädokriminalität verteidigt", kritisiert nun die Zeitung Le Monde. Doch auch sie musste auf solche Erkenntnis erst von Vanessa Spingora gestoßen werden.

Seit es Honoré de Balzac im 19. Jahrhundert bravourös gelang, die Tabus der damaligen Epoche und ihrer Verlage zu brechen und Sex zum Thema der gehobenen Literatur zu machen, gilt die explizite Darstellung von Sexualität als Markenzeichen französischer Literatur. Doch dass der Tabubruch auch zu weit gehen, ja kriminell sein kann, weiß der französische Literaturbetrieb offenbar erst seit dem Januar 2020. Welch ein moralisches Desaster vor den Augen all jener weltweit, die diesen Betrieb bisher schätzten! ⇥Georg Blume