In unserer Zeit deutet sich ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel der Industriegesellschaft an. Die treibende Energie wird regenerativ sein. Große Kohle- und Kernkraftwerke werden zunehmend ersetzt durch dezentrale Anlagen zur Sonnen- und Windenergienutzung. Die Größe eines Unternehmens ist kein elementares Kriterium mehr für wirtschaftlichen Erfolg. Durch spezialisierte Produktionsverfahren können kleine Unternehmen ihre Kosten und ihren Ressourcenverbrauch minimieren. Neue Formen der Sharing-Economy entwickeln sich, zum Beispiel in der Mobilität, wo an die Stelle persönlichen Besitzes von Fahrzeugen Modelle gemeinsamer Nutzung treten. Logistiknetze verbinden Fabriken, Lagerhäuser, Einzelhändler und den Endverbraucher. Das neue Paradigma ist mit den Schlagworten grün und digital zu charakterisieren.

Damit verbunden ist ein bisher nicht bekannter Bedarf an Kommunikation und Regelung. Anbieter und Nutzer müssen zusammengeführt werden. Dies erfolgt über ein hochverzweigtes System smarter Strom- und Datennetze. Alles ist mit allem über eine Vielzahl von Sensoren digital verbunden, wofür die Begriffe Internet der Dinge oder auch künstliche Intelligenz im weiteren Sinne stehen. Die grün-digitale Zukunft der Industriegesellschaft bedeutet daher Vielfalt und Vernetzung.

Im Vergleich zum heute noch vorherrschenden Paradigma von Größe und Konzentration hat das grün-digitale Paradigma ein großes Potenzial an Ressourceneinsparung. Allerdings bedeuten Vielfalt und Vernetzung eben auch Komplexität. Dies ist nicht frei von Risiken. Denn komplexe Systeme verhalten sich nicht wie Maschinen, sie haben lange und undurchsichtige Ursache-Wirkungs-Ketten. Kleine Ursachen können indirekte, zeitverzögerte und irreversible Folgeerscheinungen haben. Es kommt zu Rückkoppelungen, die bei kritischen Belastungen das ganze System in einen instabilen und hochempfindlichen Zustand versetzen können. Lokale Störungen bleiben dann nicht lokal begrenzt, sondern breiten sich im System aus.

Ein einfaches Beispiel ist der Verkehr auf einer Autobahn. Mit zunehmender Fahrzeugdichte wird zunächst der Verkehrsfluss effektiver. Wenn allerdings die Fahrzeugdichte ein kritisches Maß übersteigt, kann dies zu plötzlichen und unvorhersehbaren Staus führen. Häufig sind äußere Ursachen verantwortlich, etwa eine Baustelle, die bei geringer Fahrzeugdichte ohne Auswirkung wäre. Bisweilen ist es aber auch ein von zufälligen Schwankungen ausgelöster Vorgang, wie das Bremsen eines einzelnen Fahrzeugs in einer dichten Fahrzeugkolonne.

Dieser Mechanismus findet seine Entsprechung in der grün-digitalen Industriegesellschaft. Wenn die Vernetzung der Elemente einen Schwellenwert überschreitet, wird das System instabil – unabhängig davon, ob es um die Energiewirtschaft, die Produktionswirtschaft oder die Sharing-Economy geht. In diesem Fall entsteht eine hohe Empfindlichkeit gegenüber kleinen Störungen. Diese sind auch in der grün-digitalen Industriegesellschaft zufällig und unvermeidbar. Es kann sich um lokale Ausfälle eines Schaltelements in einem Energienetz oder einer Produktionsanlage handeln, um eine Störung in der Logistik oder die momentane Nichtverfügbarkeit von Bestandteilen der Sharing-Economy. In komplexen Systemen breiten sich derartige Störungen aus wie Viren in einer Pandemie.

Deshalb ist damit zu rechnen, dass etwa Zusammenbrüche der Stromversorgung bei zunehmender Ausdehnung, Verdichtung und Belastung des Netzes in der grün-digitalen Energiewirtschaft häufiger und mit größeren Auswirkungen auftreten werden als bisher. Ebenso kann eine lokale Störung in einer Produktions- und Logistikkette künftig zu ausgedehnten Ausfallerscheinungen führen, die in der heutigen Industriegesellschaft unbekannt sind. Risiken in globalem Umfang ergeben sich außerdem durch Cyberangriffe auf weltweite Datennetze, die weit höhere Schäden als derzeit vorstellbar nach sich ziehen können.

Charakteristisch für komplexe Systeme ist die langsame Annäherung an eine kritische Belastung und ihr plötzlich erfolgender Zusammenbruch. Im Fall des Autobahnverkehrs steigt die Fahrzeugdichte durch Zufluss über Einmündungen langsam an, bis es auf einmal zum Verkehrskollaps kommt. Vergleichbares kann in der grün-digitalen Industriegesellschaft durch die maximale Ausnutzung von Netzkapazitäten ausgelöst werden.

Um Zusammenbrüche zu vermeiden, ist eine kontinuierliche Überwachung erforderlich, die Frühwarnsignale erkennt und rechtzeitig eingreift. Beim Autoverkehr ist dies das bereits heute gelegentlich praktizierte Monitoring der Fahrzeugdichte mit entsprechender Verkehrslenkung. Auch in den vernetzten Systemen der grün-digitalen Industriegesellschaft werden umfangreiche Vorrichtungen zur Erkennung von Frühwarnsignalen, zur Wartung sowie Sicherheitstechnik notwendig sein. Dies sollte nicht außer acht gelassen und in die Prognosen der Ressourceneinsparung einbezogen werden.