Ich weiß nicht, was Sie denken, aber ich sehe es so: Der deutsche Klimaschutz steckt in einer Sackgasse. Nachdem vor einem Jahr noch so etwas wie Wechselstimmung in der Luft lag, stellt sich nun Resignation ein: Die Politiker mit ihren Klimapaketchen handeln zu zaghaft. Die Wirtschaft ist offenbar zu mächtig, um sich reglementieren zu lassen. Die Fridays-for-Future-Aktivisten, die im Grunde nicht mehr als die Einhaltung vereinbarter Ziele fordern, gelten manchen als nörgelnde Asketen, die dem kleinen Mann das Schnitzel und den Malle-Urlaub streichen wollen.

Und wir Bürger wenden uns entweder ab oder üben uns in Selbstzufriedenheit – nuckeln an hässlichen, aber wiederverwendbaren Schnabelkaffeetassen, zahlen für unsere Urlaubsflüge ein paar Euro CO₂-Kompensation und hoffen, dass sich so die Luft reinigt. Irgendwie steigt weltweit der CO₂-Ausstoß aber trotzdem weiter an, und selbst dem fleißigsten VollCorner-Karottenstickersammler dürfte mittlerweile aufgefallen sein: Wir brauchen Maßnahmen, die über freiwillige Konsumentscheidungen hinausreichen, wenn wir den Planeten retten wollen. Genau davor allerdings schreckt die Politik zurück. Verliert man nicht automatisch Wähler, wenn man Verzicht, egal ob nun durch Verbote oder Steuern, einfordert und Freiheiten beschränkt? Gewinnt dann nicht die AfD? Die Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft in Klimafragen resultiert in: Stillstand.

Sie kennen das alles schon; danke, dass Sie noch weiterlesen. Jetzt kommt etwas Neues, versprochen. Ich habe nämlich die Lösung: Wir müssen den Verzicht nicht dort suchen, wo er wehtut – sondern dort, wo er erträglich ist. Was, wenn es eine Beschränkung gäbe, die regelrecht Freude bringen könnte, um nicht zu sagen: Freiheit! Sind Sie bereit?

Deutschland muss auf das verzichten, was niemandem Spaß macht – arbeiten! Ich fordere: Free day for future! Einen Wochentag frei für alle. Bei vollem Lohnausgleich.

Sie wirken irritiert. Lassen Sie mal Ihren inneren Protestantismus und das Arbeit-als-Selbstverwirklichung-Mantra beiseite: Sie werden mir sicher darin zustimmen, dass unter all den Tätigkeiten, die weltweit den CO₂-Ausstoß erhöhen, die Arbeit mit Abstand die unbeliebteste ist. Ganze Kaffeetassenindustrien leben von lustigen Sprüchlein über die Fürchterlichkeit des Montagmorgens, der uns allwöchentlich aus der Selbstbestimmtheit reißt und der Lohnarbeit ausliefert. Egal ob Bauarbeiter, Werber oder Ärztin: Jeder würde sich über mehr Freizeit freuen – völlig unabhängig davon, wie er oder sie zur Klimakrise steht. Man stelle sich ein Wahlplakat vor: "Nie wieder Montag!" Würde man dieser Partei eine Verbotskultur vorwerfen? Könnte man sie einen Feind der Freiheit nennen? Nein!

Nette Idee, aber Spinnerei, sagen Sie nun vielleicht. Das dachten sicher auch viele, als in den Fünfzigerjahren die bundesdeutschen Gewerkschaften herumgesponnen haben: Könnte man den Arbeiter nicht vom Joch der Sechstagewoche befreien? Warum sollte Vati am Samstag nicht einfach zu Hause bleiben?

Auch fünf Arbeitstage sind kein gottgegebenes oder auch nur vernünftiges Maß. In einer Zeit, in der viele Bullshit-Jobs mehr einer Beschäftigungstherapie als wertschöpfender Arbeit gleichen, in der durch die Digitalisierung ganze Berufssparten wegfallen, in der eine Burn-out-Phase im Lebenslauf fast schon zum Standard gehört und in der Wünsche nach einer gleichberechtigten Familien- und Karriereplanung das Vollzeitmodell ins Wanken gebracht haben, wäre eine geringere Arbeitszeit für alle keine radikale Zukunftswette – sondern die überfällige Anpassung der Arbeit an die Lebenswelt von Millionen Menschen.