Hatte er nicht 2013 bei seinem Rücktritt verkündet, künftig für die Welt verborgen zu bleiben? Von Demut und Unterordnung kann bei Papst Benedikt XVI. keine Rede sein. Wie viel sind päpstliche Schweigegelübde eigentlich noch wert? Offensichtlich bezog sich das Schweigen nicht auf den Kirchenlehrer Joseph Ratzinger, der sich nun "in brennender Sorge" öffentlich zu Wort meldet: Es geht um die Abschaffung des Zölibats.

Dabei hat das Angstgespenst der Konservativen bisher nur ein wenig mit den Ketten gerasselt: Franziskus prüft lediglich seit der Amazonaskonferenz im Oktober in Rom, das Priesteramt für verheiratete Männer in diesem Gebiet Lateinamerikas zu öffnen. Das genügt offenbar, dass die Truppen zum letzten Gefecht blasen. Doch kurz vor dem Angriff gibt es Streit: Papst Benedikt will nun offenbar nichts Genaueres über das Buch gewusst haben, er betont nun plötzlich, er sei nicht Co-Autor dieses Werkes. Das ändert nichts an der Stoßrichtung des Bandes. Zwischen beide Franziskuskritiker passt sonst kein Blatt Papier. Sie hoffen, eine solche doppelläufige Schrotflinte habe eine wuchtigere Durchschlagskraft als die üblichen Schießeisen.

Der Titel des Buches: Des profondeurs de nos cœurs – Aus der Tiefe unserer Herzen –, erschienen ist es im französischen Verlag Fayard. Die Zeitung Le Figaro druckte nun Auszüge davon ab: "Ich kann nicht mehr still bleiben", wird Benedikt zitiert, die katholische Kirche dürfe nicht von "schlechten Einlassungen, Theatralik, Lügen und im Trend liegenden Irrtümern" beeinflusst werden. Priester würden durch die ständige Infragestellung des Zölibats verunsichert. Kurienkardinal Sarah stellt klar: Eine Lockerung, selbst wenn sie sich auf eine bestimmte Region beschränke, bedeute eine "Verletzung, eine Wunde in der inneren Kohärenz des Christentums". Warum leisten sich die beiden Hardliner der alten Schule diesen ungeheuren Affront gegen den jetzigen Amtsinhaber? Eine Brüskierung, die Joseph Ratzinger weder als Glaubenspräfekt noch als Pontifex je geduldet hätte. Und das alles, wo doch Franziskus gar nicht als Befürworter der Abschaffung des Zölibats gilt.

Droht nun die Kirchenspaltung? Nein. Aber die Kluft wird größer.

In einer Pressekonferenz im letzten Jahr sagte der Papst gar: "Ich persönlich meine, dass der Zölibat ein Geschenk für die Kirche ist." Und: "Ich bin nicht damit einverstanden, den optionalen Zölibat zu erlauben." Lediglich bei "pastoraler Notwendigkeit" müsse der Hirte an die Gläubigen denken. In den "entlegensten Gebieten wie den Pazifischen Inseln" sollten einige Möglichkeiten bleiben. Franziskus will zudem nicht die Mehrheit, die bei der Amazonas-Synode für die Ausnahmeoption votierte, missachten.

Droht nun die Kirchenspaltung? Nein. Aber die Kluft wird größer.

Weil das Amt des Papstes aufgrund Gottes weisen Ratschlusses vergeben wird, kann es nicht fehlbesetzt werden. Als Mensch kann Franziskus aber fehlgeleitet werden. "Man hat uns weismachen wollen, dass der kirchliche Zölibat nichts weiter als eine junge Übung ist", schreibt Sarah, um hinzuzufügen: "Man hat historische Lügen und theologische Annäherungen angehäuft." Das gibt zu denken: Wenn der Feind des kirchlichen Dogmas schon die theologische Annäherung ist – was muss dann erst die soziale Annäherung der Kirche an ihre Gläubigen für ein Teufelszeug sein? Der Kampf hat gerade erst begonnen, und der Synodale Weg führt geradewegs in die Schlacht.

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