Brittany Kaiser ist abgetaucht. Reagiert nicht auf E-Mails und Textnachrichten. Selbst für ihren deutschen Verlag, der ihre Autobiografie vermarkten soll, ist die Amerikanerin nicht zu erreichen. Tagelang ist unklar: Kommt sie Ende Januar nach München, um auf einer Digitalkonferenz des Burda-Verlags zu sprechen? So hatte sie es im November in einem ersten Videotelefonat mit der ZEIT erzählt. Um den Jahreswechsel taucht ihr Name im Programm auf. Nach ein paar Tagen verschwindet er wieder.

Hinter den Kulissen wird um Kaiser, 32, gerungen, das ist später zu erfahren. Eigentlich sollte sie erst im März nach Deutschland reisen. Eine andere Konferenz hat sie schon vor Monaten für ein schönes Honorar als "Keynote-Speakerin" gebucht, unter der Bedingung, dass sie vorher auf keiner anderen deutschen Bühne sprechen werde.

Seit Kaiser bei Cambridge Analytica ausstieg und der britischen Zeitung The Guardian von den dunklen Geschäften der Firma berichtete, lebt sie von solchen Auftritten. Drei Jahre lang war Kaiser so etwas wie Cambridge Analyticas Vertriebschefin. Sie jettete um den Globus und half, neue Kunden zu akquirieren, darunter das Team von Donald Trump, das die Dienste der Firma nutzte, um in den sozialen Netzwerken einen Schmutzwahlkampf zu führen. Im März 2018 wurde Kaiser zur Whistleblowerin. Als solche trat sie vergangenen Sommer in der Netflix-Dokumentation The Great Hack auf.

Ihre Enthüllungen inszeniert Kaiser wie eine Staffel "Game of Thrones"

Nun probiert Kaiser eine neue Rolle aus: die der Aktivistin, die vor den Gefahren des Datenkapitalismus warnt. Kaiser hat eine Stiftung gegründet, die Kindern Digitalkompetenz vermitteln will, und sie engagiert sich dafür, die Internetkonzerne strenger zu regulieren.

Der spektakulärste Schauplatz ihrer Verwandlung aber ist derzeit Twitter. Dort lädt Kaiser seit Jahresbeginn E-Mails und Dokumente aus ihrer Zeit bei Cambridge Analytica hoch, die noch immer auf ihrem Rechner liegen. Das Material soll belegen, dass die Firma nicht nur in den USA und Großbritannien, sondern praktisch auf der ganzen Welt in Wahlen und Abstimmungen involviert war und sich dabei an den Grenzen der Legalität bewegte. Kaiser inszeniert die neuen Enthüllungen wie eine Staffel Game of Thrones, zerstückelt in Dutzende Tweets, mit Cliffhangern ("To be continued...") und Spoilern, in welcher Region sich Politiker als Nächstes vor den Leaks fürchten müssen ("Next stop: West Africa").

Vergangenen Sonntag in einem Münchner Designhotel. Kaiser ist tatsächlich zur Konferenz des Burda-Verlags gekommen, wenn auch nur als "VIP-Gast", nicht als Rednerin. Sie ist eine auffällige Erscheinung. Ihre Stimme ist tief und rau. Sie trägt einen gelben Filzhut und einen Blazer mit Schottenmuster, dazu blaue Samtslipper mit Totenkopf-Stickerei. Der Hut ist so etwas wie ihre Uniform, sie taucht bei fast jedem ihrer Auftritte damit auf.

Im Gespräch wechselt Kaiser mühelos zwischen Politik und Selbstvermarktung. In einem Moment rattert sie herunter, mit welchen Institutionen sie für den Datenschutz kämpfe (dem New Yorker Senat, dem Bundesstaat Kalifornien). Im nächsten erwähnt Kaiser, dass sie nun einen Online-Shop habe, der T-Shirts und andere Merchandise-Artikel mit dem Spruch "Own Your Data" verkaufe. Damit wolle sie Geld für ihre Stiftung einnehmen.

Brittany Kaiser hat sich schon einmal neu erfunden. Nachdem sie bei Cambridge Analytica angefangen hatte, wurde aus ihr eine Konservative. Zumindest gab sie sich große Mühe, diesen Eindruck nach außen zu vermitteln. Sie trat der US-Waffenlobby NRA bei und trug Pelzmantel. Sogar ihren liberalen Freundeskreis tauschte Kaiser gegen Leute aus, die in ihrer Freizeit in teuren Bars und bei Polospielen abhingen, so schildert sie es in ihrem kommende Woche erscheinenden Buch Die Datendiktatur. Eigentlich war Kaiser ihr Leben lang das genaue Gegenteil davon. Die Tochter eines vermögenden amerikanischen Geschäftsmanns war Anhängerin der Demokraten. Nach der Highschool zog Kaiser nach London, wo sie von einer Karriere als Menschenrechtsanwältin oder Diplomatin träumte. 2008 arbeitete sie als freiwillige Helferin im Social-Media-Team von Barack Obama.

Das weckte 2014 das Interesse des Briten Alexander Nix, des Chefs einer Datenanalysefirma, aus der Cambridge Analytica hervorging. Nix bot Kaiser einen Job als Beraterin an. Er prahlte damit, wie die Firma mithilfe riesiger Datensätze Menschen zu durchleuchten und zu lenken vermochte. Kaiser war beeindruckt. Sie sagte zu.