Der Mann, der hier John Baker heißen soll, ist sichtlich nervös. Nur kurz schweift sein Blick durch die bodentiefen Hotelzimmerfenster über das südliche Ufer der Themse. Dann setzt er sich in einen gelben Sessel und wiederholt die Bedingung dafür, seine Geschichte zu erzählen: absolute Anonymität.

John Baker hat Angst. Sein früherer Arbeitgeber Merrill Lynch, eine der einst größten Investmentbanken der Welt, könnte ihre Anwälte auf ihn hetzen. Noch mehr fürchtet er seine ehemaligen Kollegen aus dem Londoner Handelsraum – viele von ihnen seien "milliardenschwere Gangster", so Baker. "Ich fürchte die Vergeltung der Bank. Und ich fürchte körperliche Vergeltung durch einige Männer, die an den Deals beteiligt waren. Das sind keine sehr netten Menschen."

Die Geschäfte, von denen Baker spricht, und mit denen auch einige andere Merrill-Lynch-Beschäftigte hadern, dienen nur einem einzigen Ziel: die Staatskassen zu plündern. Dazu werden Aktien mit Milliardenwert im Kreis gehandelt. Der Schaden allein durch Cum-Ex, eine Variante dieser steuergetriebenen Deals, wird in Deutschland auf mehr als zehn Milliarden Euro geschätzt, der durch verwandte steuergetriebene Aktiengeschäfte liegt um ein Vielfaches höher. Die Europäische Finanzmarktaufsicht ist mit der Sache befasst, Staatsanwaltschaften in Köln, Frankfurt am Main und München ermitteln gegen rund 400 Verdächtige. In Bonn und Wiesbaden beschäftigt der Fall bereits die Gerichte. Der Bonner Richter nannte Cum-Ex explizit illegal.

Zwei der Hauptbeschuldigten in diesen Prozessen arbeiteten bei Merrill Lynch, in den frühen 2000er-Jahren war die Bank eine Art Ausbildungsstätte für Steuerhändler: Von dort aus verbreitete sich das Wissen um diese Geschäfte in der internationalen Finanzindustrie. Händler, die das Geschäft bei Merrill Lynch gelernt hatten, wechselten in andere große Banken, auch zu deutschen.

Baker hat jahrelang bei Merrill Lynch gearbeitet. Seine Erzählung führt in das Innerste dieses größten Steuerraubzugs aller Zeiten. Dorthin, wo die Deals abgewickelt wurden: in die Londoner City, einen der größten Finanzplätze der Welt.

Zum ersten Mal spricht Baker öffentlich darüber, was er bei Merrill Lynch erlebt hat. Es geht um Cum-Ex und ähnliche Deals. Es geht aber auch um eine Untersuchung des US-Senats, der schon 2008 vor dem Raubzug warnte, ihn in den USA unterband – und ihn damit in Europa erst richtig entfachte. Und es geht um Milliarden an Steuern, deren Raub man hätte verhindern können, wenn sich amerikanische und deutsche Behörden ausgetauscht hätten. So erzählt Baker von der Machtlosigkeit nationaler Aufseher, wenn sie auf international vernetzte Banker stoßen.

Zwei Stunden lang interviewen Reporter von ZEIT ONLINE und dem ARD-Magazin Panorama Baker. Die Fernsehzuschauer werden später nur seine Silhouette erkennen können, seine Stimme wird nachgesprochen. Auch welche Rolle er selbst im Handelsraum spielte, kann hier nicht beschrieben werden. Absolute Anonymität.

John Baker schildert im Video, was er bei Merrill Lynch erlebte

Bakers Geschichte beginnt in der Londoner Zentrale von Merrill Lynch, Anfang des Jahrtausends. Aktienhändler sitzen in langen Reihen an Schreibtischen, vor ihnen Monitore mit Zahlenreihen, Kurven und Börsennachrichten. Nur in einer Ecke des Handelsraums fehlen die Bildschirme. Dort sind die Tische beladen mit Büchern: Steuergesetze, internationale Steuerabkommen, Buchhaltungsregeln diverser Staaten.

An diesen Tischen sitzen die Denker. So nennt Baker sie. Die Denker sind Spezialisten. Ständig suchen sie nach einer Lücke im Steuersystem, nach "diesem mikroskopisch kleinen Defekt". Haben sie einen gefunden, entwickeln sie einen Plan, um den Fehler im System auszunutzen. "Das kann ein 15-seitiges Dokument sein, in dem genau steht: Um sieben Uhr morgens, bevor der Markt öffnet, machen wir das. Dann dies. Dann jenes. Dann solches." Dieses Dokument sei wie ein Kochbuch, enthalte alle Zutaten, die nötig seien, damit am Ende Geld fließt.

Die Leute, die das Kochbuch anwenden, nennt Baker Macher. Wer sich die Macher als Investmentbanker vorstellt, die hektisch auf ihre Tastaturen tippen und unablässig telefonieren, der irrt. "Sie verbringen einen großen Teil ihres Tages mit Plaudern, Spielen und Kaffeetrinken", sagt Baker. Oder sie verkaufen ihr altes Auto und suchen ein neues. "Sie leben das gute Leben. Denn sie wissen, dass sie, um 14 Millionen Euro für die Bank hereinzuholen, vielleicht nur ein oder zwei Transaktionen pro Tag machen müssen."