Verena Bahlsen soll nicht die Führung der Firma übernehmen. © Wolfgang Stahr/​laif

Verantwortung gern, aber nur in der Firma. So ließe sich zusammenfassen, wie die Söhne und Töchter etablierter Unternehmer ihre Rolle in der Gesellschaft sehen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Stiftung Familienunternehmen, die an diesem Freitag veröffentlicht wird und der ZEIT vorab vorliegt. Aus der Generation der Firmenerben hält es nur jeder Achte für wahrscheinlich, im Alter von 40 Jahren eine politische Funktion auszuüben. Nur drei von zehn Unternehmerkindern halten es für erstrebenswert, sich politisch zu engagieren – so wenig wie nie in den vergangenen zehn Jahren. In Zeiten, in denen über Klimaschutz, Populismus und Fremdenfeindlichkeit diskutiert wird, wenden sich die Unternehmer von morgen demnach von der Politik ab.

Für die Studie haben Wissenschaftler der Zeppelin Universität 516 Söhne und Töchter von Familienunternehmern im Alter zwischen 16 und 40 Jahren zu ihren Plänen und Wertvorstellungen befragt und die Ergebnisse mit früheren Umfragen verglichen. "Viele Unternehmer sind enttäuscht von der Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre. Sie haben den Eindruck, dass die Anliegen von Unternehmern zuletzt aus dem Blick geraten sind", sagt Stefan Heidbreder, der Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen. Dazu komme laut Heidbreder, dass Unternehmertum und Politik unterschiedlichen Logiken folgten: "Der politische Prozess ist darauf ausgerichtet, Mehrheiten zu gewinnen, und entsprechend langwierig. Im Unternehmen hingegen sind schnelle und konkrete Entscheidungen möglich." Das schreckt offenbar viele ab.

Natürlich gibt es Ausnahmen. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Wirtschaftsführer in die politische Debatte eingemischt. Beispielsweise Initiativen wie "Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen" oder die Kampagne "Made in Germany – made by Vielfalt" von Familien-Betrieben, die für mehr Weltoffenheit warben. Seit dem vergangenen Jahr setzen sich weit mehr als 100 Unternehmer in der Initiative "Leaders for Climate Action" für mehr Klimaschutz ein.

Gut möglich also, dass die Ergebnisse der Studie den Frust der Unternehmer über die Politik widerspiegeln, nicht aber fehlende Haltung. Darauf deuten auch andere Ergebnisse hin. So halten es neun von zehn Befragten für erstrebenswert, so zu leben, dass Mitmenschen nicht zu Schaden kommen, ein Wert, der seit 2010 gestiegen ist. Fast ebenso hoch ist der Anteil jener, denen es wichtig ist, ein "reines Gewissen" zu haben – auch dieser Wert ist gestiegen. "Sich und seine Bedürfnisse gegen andere durchzusetzen", finden hingegen nur noch 37 Prozent der Befragten wichtig – und damit weniger als früher.

In unternehmerischen Fragen stellten die Studienautoren eine wachsende Offenheit fest. Die Nachfolgegeneration sei mehr denn je bereit, Neues auszuprobieren, zeigt sich etwa interessiert an der Kooperation mit Start-ups, um die Digitalisierung zu meistern.

Viele der Befragten seien zudem bei der traditionellen Erbfolge flexibler. "Heute übernimmt nicht mehr automatisch der älteste Sohn die Leitung des Unternehmens, sondern mitunter mehrere Kinder gemeinsam, und häufiger als früher holen sie sich dabei externe Geschäftsführer dazu", sagt Heidbreder.

Aktuelles Beispiel: der Kekshersteller Bahlsen. Dessen Gesellschafter Werner M. Bahlsen und seine Frau Susanne haben gerade erklärt, dass keines ihrer vier Kinder den Posten an der Firmenspitze antreten werde. Bislang wurde ihre Tochter Verena Bahlsen als Nachfolgerin gehandelt. Sie löste im vergangenen Jahr Empörung aus, weil sie sich relativierend über die Nazi-Vergangenheit des Unternehmens äußerte, wofür sie sich später entschuldigte. Die Entscheidung in der Nachfolgefrage habe man nun als "familiäres Sextett" gemeinsam getroffen, sagte Werner M. Bahlsen dem Handelsblatt.

Die Studie über die Familienunternehmer von morgen zeigt aber auch: Sieben von zehn Befragten halten es für wahrscheinlich, spätestens mit 40 die Leitung ihrer Firma zu übernehmen. Der Wert hat sich seit 2010 fast verdoppelt. "Der rasante technologische Wandel eröffnet der jungen Generation viele neue Spielräume, sie kann sich heutzutage viel mehr einbringen und die Zukunft gestalten, als ihre Eltern das konnten", sagt Heidbreder, "das finden viele attraktiv." Die oft beklagte Nachfolge-Lücke im Mittelstand ist womöglich doch nicht so groß wie oft angenommen.