Die Attacken kamen aus dem Netz: Rund um den Jahreswechsel drangen Hacker in das Netzwerk des ukrainischen Gaskonzerns Burisma ein. Analysten der US-Sicherheitsfirma Area 1 zufolge handelt es sich bei den Angreifern um Angehörige russischer Militäreinheiten, die im Auftrag des Kreml arbeiten. Fast zur selben Zeit vermeldete auch das Außenministerium in Wien, es sei Ziel eines "schwerwiegenden Cyberangriffs" geworden. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die beiden Hacks miteinander in Verbindung stehen. Und doch machen sie deutlich, dass es der EU und ihrem östlichen Nachbarn an einer wirksamen Cyber-Verteidigung mangelt.

Der Fall von Burisma reicht bis nach Washington. Denn Hunter Biden, Sohn von Joe Biden, dem derzeitigen Favoriten im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur, saß von 2014 bis 2019 im Aufsichtsrat des Konzerns. Trump wirft Joe Biden vor, als Vizepräsident unter Barack Obama Einfluss auf die ukrainische Politik genommen zu haben, um drohende Ermittlungen von der Firma seines Sohnes abzuwenden – Beweise gibt es dafür allerdings nicht.

Nun interessieren sich offenbar auch russische Hacker der berüchtigten staatlichen Cyber-Einheit "Fancy Bear" für Burisma. Ein amerikanischer Regierungsbeamter berichtet laut New York Times davon, dass russische Spione zeitgleich auf analogem Wege versuchten, in ukrainischen Regierungskreisen an Informationen über die Bidens zu gelangen. Zwar ist nicht bekannt, ob Burisma Informationen gestohlen wurden und wonach die Hacker eigentlich suchten. Doch seit Moskau 2016 mit Falschinformationen und geleakten E-Mails der Demokraten in den US-Wahlkampf eingegriffen hatte, steht nun zu befürchten, dass Russland versuchen könnte, auch die Wahlen in diesem Herbst zu beeinflussen.

In Österreich war bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe kaum etwas über den Hackerangriff auf das Außenministerium bekannt, nur dass er schwerwiegend sei, ließ die Regierung wissen. Sebastian Kurz, der zum Zeitpunkt des Hacks noch gar nicht wieder als Bundeskanzler im Amt war, sagte, das sei "kein Kavaliersdelikt", sondern "eine moderne Form des Angriffs". Es klang alles ein wenig ratlos.

Überhaupt nimmt Österreich die Landesverteidigung seit Jahrzehnten nicht sonderlich ernst – weder in der analogen noch in der digitalen Welt. Das Bundesheer spart, wo es kann, und auch die digitale Abwehrbereitschaft hatte vor ein paar Jahren eigentlich aufgestockt werden sollen. Im Jahr 2013 wurde dazu eigens die "Österreichische Strategie für Cyber Sicherheit" vorgestellt. "Sehr große Staaten", erklärte damals Klaus Naumann, der ehemalige Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, dürften ab 2020 in der Lage sein, "kleinere Staaten teilweise oder sogar ganz elektronisch auszuschalten".

Das Jahr 2020 hat mittlerweile begonnen, die früheren Pläne sind nicht weit gediehen. Cyberattacken oder einem Black-out sei das Bundesheer "fast schutzlos ausgeliefert", sagte Thomas Starlinger, der Verteidigungsminister der Übergangsregierung im vergangenen August. Und offenbar ist nicht nur das Bundesheer bedroht, sondern, wie sich nun zeigt, auch Teile der Regierung.