Der Leser, der diese Frage stellte, kam darauf, als nachts eine Mücke seinen Kopf umkreiste. Mehrmals versuchte er, das Insekt zu erwischen, stets war es schneller. Könnte es sein, dass wir uns für eine Mücke oder Fliege sozusagen in Zeitlupe bewegen und es deshalb für die Plagegeister kein Problem ist, uns auszuweichen?

Man kann die Insekten nicht fragen. Aber man kann die Geschwindigkeit ihres Sehapparats vermessen. Das Stichwort dazu ist die "Flimmerverschmelzungsfrequenz" (FVF). Die drückt aus, wie oft eine Lichtquelle pro Sekunde flackern muss, damit man nicht einzelne Lichtblitze sieht, sondern ein kontinuierliches Leuchten wahrnimmt. Diese Frequenz ist variabel, sie hängt auch von der Lichtstärke ab. Beim Menschen beträgt sie unter normalen Lichtverhältnissen etwa 60 bis 80 Blitze pro Sekunde – darüber hinaus können wir kein Flimmern erkennen.

Der Biologe Roger Hardy von der Universität Cambridge hat tatsächlich winzige Elektroden in die Fotorezeptoren der Augen von Fruchtfliegen gepikst und festgestellt, dass deren FVF bei mehr als 300 Blitzen pro Sekunde liegt, also bis zu fünfmal so hoch wie die des Menschen. Bei einer Zeitlupenkamera ist es ähnlich, sie nimmt mehr Bilder pro Sekunde auf als eine normale Videokamera. Insofern kann man tatsächlich sagen, dass für die Fliege im Vergleich zu uns die Welt in Slow Motion abläuft. Anatomisch ist das möglich, weil der Sehapparat von Insekten insgesamt schneller funktioniert als der von Säugetieren und die Signale im Fliegenhirn kürzere Wege zurücklegen müssen.

Und nicht nur Insekten sehen verglichen mit uns in Zeitlupe: Generell scheint es die Natur so eingerichtet zu haben, dass Tiere, die schnell reagieren müssen, auch einen schnelleren Sehapparat haben und den höheren Energieaufwand dafür in Kauf nehmen.

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