Das französische Drama – Seite 1

Seit über einem Jahr kommt Frankreich nicht mehr zur Ruhe. Erst demonstrierten die Gelbwesten, aktuell wird das Land von den längsten Streiks seit Jahrzehnten gelähmt. Der Grund: die Rentenreform der Regierung. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt die Hintergründe und warum das alte Rechts-Links-Schema nicht mehr greift.

DIE ZEIT: Massenstreiks und rote Fahnen: Kommt in Frankreich der Klassenkampf zurück?

Jérôme Fourquet: Das könnte man denken. Die Politik Emmanuel Macrons hat zur Wiederbelebung einer bestimmten Form von Klassenkampf beigetragen. Zunächst die Bewegung der Gelbwesten: Das war eine spektakuläre Erhebung eines Teils der Bevölkerung.

ZEIT: Anlass war eine geplante Steuererhöhung für Benzin und Diesel. Sie hätte das Leben vieler Bewohner der ländlichen Regionen erschwert.

Fourquet: Und jetzt, ein Jahr später, der Konflikt über die Rentenreform, angeführt von den Beschäftigten der Bahnbetriebe: Mehr als 40 Tage Streik, das gab es das letzte Mal 1920, vor 100 Jahren!

Jérôme Fourquet vom Meinungsforschungsinstitut Ifop, das 1938 in Paris gegründet wurde © Julien Faure/​ddp

ZEIT: Die jetzige Bewegung richtet sich aber nicht gegen die Unternehmer, den traditionellen Klassenfeind, sondern gegen den Staat.

Fourquet: Das stimmt, das gilt auch für die Gelbwesten. Die Proteste zielen auf Macron, den die Leute den Präsidenten der Reichen nennen.

ZEIT: Noch etwas ist anders: Da kämpft nicht die Linke gegen die Rechte.

Fourquet: Sehen Sie sich Macrons Vorgänger an. Die Einstellung der Bürger zu ihnen ergab sich aus der jeweiligen Zugehörigkeit zur Linken oder zur Rechten. Die linken Wähler waren gegen Nicolas Sarkozy, die rechten gegen François Hollande. Macron hingegen finden zwar etwas mehr rechte als linke Wähler gut, aber die Dinge liegen nicht mehr so säuberlich sortiert. Erst wenn Sie nach soziologischen Kriterien analysieren, klärt sich das Bild. Sarkozy und Hollande hatten beide ungefähr gleich viel Unterstützung unter den Arbeitern wie unter den Angestellten. Macron indessen wird mehrheitlich von den Arbeitern abgelehnt und von den Angestellten unterstützt. Wir sind also von der horizontalen Konfrontation zur vertikalen übergegangen, an die Stelle von links gegen rechts ist unten gegen oben getreten.

ZEIT: Der alte Klassenkampf war doch auch unten gegen oben?

Fourquet: Nur haben wir keine Arbeiterbewegung mehr. Zwar gibt es noch die in der Gewerkschaft organisierten Eisenbahner, die Raffineriearbeiter, die Docker in den Häfen und ein paar andere, aber das sind Inseln im soziologischen Archipel. Die unteren Gesellschaftsschichten sind fragmentiert. An der Bewegung der Gelbwesten oder der jetzigen Bewegung nehmen beispielsweise die Leute aus den Banlieues nicht teil ...

ZEIT: ... die Bewohner jener Vorstädte, die einige Ihrer Kollegen als Ghettos bezeichnen.

Fourquet: Sie leben in einer eigenen Welt. Die Gelbwesten wiederum, die sich protestierend an den Kreisverkehren in Frankreichs Provinzregionen trafen, sind auf den Demonstrationen der Beamten und der Beschäftigten aus den staatlich kontrollierten Großunternehmen gegen die Rentenreform kaum anwesend. Die von der Linken immer wieder beschworene Konvergenz der Kämpfe bleibt aus.

ZEIT: Ihr jüngstes Buch heißt auch L’archipel français, der französische Archipel.

Fourquet: Ja, das ist eine geografische Metapher. Gemeint ist die Kombination sozialer und räumlicher Fragmentierungen. Die Spaltung in Metropolen und Umland, und innerhalb der Metropolen in gute und schlechte Gegenden. Die Spaltung zwischen denjenigen, die der Einwanderung entstammen, und den Alteingesessenen. Zwischen jenen, die auf der Globalisierungswelle surfen, und den anderen, die sich darin untergehen sehen. Das sind mehrere Raster, übereinandergelegt, und es ergeben sich daraus Inseln, die jede für sich existieren. Verschwunden ist die eine bestimmende Matrix, nach der sich das Land organisiert hatte: der althergebrachte Gegensatz zwischen den katholischen Milieus, die politisch konservativ waren, und dem Block des linken Republikanismus, dessen Kern über lange Zeit kommunistisch geprägt war.

ZEIT: Ist diese Welt wirklich untergegangen? Wenn man über Land fährt, kann man einen anderen Eindruck gewinnen. Nehmen Sie die landesweite Debatte über die nationale Identität, die Nicolas Sarkozy vor zehn Jahren organisieren ließ. Sie fand in allen Präfekturen statt. Da stritten sich wie eh und je rechtskatholische Notare mit linksrepublikanischen Lehrern, das hatte geradezu etwas von einer Karikatur.

Fourquet: Natürlich gibt es das heute noch, aber es ist kein strukturierender Gegensatz mehr. Wer nimmt denn an solchen Debatten teil? Die Politisierten, die Gebildeten und vor allem die Älteren. Nein, das ist eine weitgehend untergegangene Welt.

"Die strukturbildende Kraft der hergebrachten Konfrontationen ist weggefallen"

ZEIT: Wie belegen Sie das?

Fourquet: Zum Beispiel mit Statistiken über Vornamen. Die sind hilfreich, denn ihnen liegen gut erhalten gebliebene Datensätze zugrunde, umfangreich und weit zurückreichend, das ist messbar und konkret. Und Vornamen sind signifikant, sie verweisen auf kulturelle Hintergründe, wie auch bei Ihnen in Deutschland. Ein Indiz für die starke katholische Imprägnierung der französischen Gesellschaft war zum Beispiel die Tatsache, dass im Jahr 1900 ein Mädchen von fünf den Namen Marie erhielt. Im Jahr 2016 waren es dann nur noch 0,3 Prozent.

ZEIT: Ihr Buch enthält weitere Hinweise darauf, dass traditionelle katholische Einstellungen zurückgedrängt wurden, etwa die zur Homosexualität oder zur Ehe. Sie existieren nach Ihrer Einschätzung fort, nur eben in räumlich begrenzten Gebieten. Aber ist das schon die ganze Geschichte?

Fourquet: Keineswegs. Erstens ist mit dem Verblassen des katholischen Frankreichs auch sein Gegenbild beinahe unsichtbar geworden, der radikale Linksblock.

ZEIT: Die kommunistische Partei, einst Massenpartei, ist heute ein klägliches Gebilde von Zirkeln.

Fourquet: Resultat: Die strukturbildende Kraft der hergebrachten Konfrontationen ist weggefallen.

ZEIT: Was tritt an deren Stelle?

Fourquet: Unsere Vornamenstudien geben Hinweise. Zum Beispiel: Von 1900 bis 1945 war die Zahl der unterschiedlichen vergebenen Vornamen relativ konstant, um die 2000. Heute sind wir bei etwa 13.000 verschiedenen Vornamen, und die Tendenz geht dahin, möglichst seltene Namen zu vergeben: ein Zeichen für kulturelle Diversifizierung und Individualisierung. Sodann die zahlenmäßige Zunahme der Vornamen, die auf die arabisch-muslimische Kultur verweisen. Das sind heute etwa 20 Prozent der Kinder, folglich 20 Prozent der Gesellschaft von morgen.

ZEIT: Was besagt das?

Fourquet: Dass Frankreich eine multikulturelle Gesellschaft geworden ist, binnen weniger Jahrzehnte. Und viele Indikatoren deuten darauf hin, dass es eine Reihe von Inseln des französischen Archipels gibt, die arabisch-muslimisch geprägt sind und die für sich leben.

ZEIT: Wie ja auch die sozial begünstigten Schichten für sich leben, auf ihren Inseln.

Fourquet: Mit ihren eigenen Medien, eigenen Orten, eigenen Codes.

ZEIT: In Ihrem Buch haben Sie auch eine Karte Frankreichs, die uns die Konzentration von Namen wie Kevin, Dylan oder Jason zeigt, mit der Kartierung der Wähler Marine Le Pens verglichen. Eine frappierende Übereinstimmung.

Fourquet: Das trifft vor allem im Nordosten des Landes zu. Dort gibt man den Kindern typischerweise nicht die in der Oberschicht verbreiteten Namen, sondern die aus Film, Video, Musik und Sport bekannten. Das ist gewissermaßen eine Autonomisierung im Verhältnis zum offiziellen Frankreich. Wir haben es während der Gelbwestenkrise gesehen, die Protagonisten trugen oft diese angelsächsischen Namen.

ZEIT: Wie ja auch viele der Kandidaten der Partei Marine Le Pens, des Rassemblement National (RN). Und dann wählt man eben die eigenen Leute, die ähnlich heißen wie man selbst. Etwa den RN-Bürgermeister der ehemaligen Bergarbeiterstadt Hénin-Beaumont, Steeve Briois.

Fourquet: Es sind gesonderte Kulturen. Vor einem Jahr gab es Diskussionen mit den Gelbwesten, die gefilmt wurden, auf der Straße oder im Fernsehstudio. Es war, als lebten Politiker und Moderatoren auf der einen Seite und die Gelbwesten auf der anderen, quasi in verschiedenen Nationen.

"Von rechts und links sprechen beide nicht mehr"

ZEIT: Noch einmal zum Verlust der Matrix katholisch/republikanisch, die sich politisch in rechts/links ausdrückte. Sprechen wir hier von einer französischen Besonderheit?

Fourquet: Die Färbung ist von Land zu Land unterschiedlich, aber das Phänomen selbst ist in allen westlichen Ländern sichtbar. Erinnern Sie sich: Früher war Deutschland entweder protestantisch und SPD oder eben katholisch und CDU/CSU.

ZEIT: Ein sehr grobes Raster.

Fourquet: Natürlich, aber wenn Sie die Statistiken der Bundestagswahlen betrachten, war das im Prinzip die Struktur. Ich kenne beispielsweise Hessen: Jahrzehntelang sozialdemokratisch, also SPD, aber in einer katholischen Stadt wie Fulda eben CDU. Nur ist das alles über die Jahrzehnte anders geworden. Bei Ihnen gibt es insgesamt zwar mehr Stabilität als bei uns, aber auch Ihr Parteiensystem hat sich gewandelt, und die alten Rechts-links-Strukturen, die so klar waren, existieren kaum noch – dieses Gebilde aus zwei Volksparteien und der FDP. Was früher unwahrscheinlich war, wird heute möglich: Schwarz-Grün in Österreich, Untergang der großen Parteien in Italien ...

ZEIT: Was sind die gemeinsamen Ursachen?

Fourquet: Die Globalisierung mischt die Karten neu, die des Spiels um Gewinne und Verluste und die Karten der Geografie. Einst wohlhabende Industrieregionen steigen ab, einst ärmliche Landstriche werden Touristenmagnete, überall sehen Sie neue Verlierer und Gewinner. In Frankreich haben sich zwei Parteien diese neue Tendenz sozusagen geschnappt. Macron drückt es so aus: Progressive gegen Nationalisten. Marine Le Pen sagt: Patrioten gegen Globalisten. Von rechts und links sprechen beide nicht mehr.

ZEIT: Demokratie bedeutet auch, dass konkurrierende Blöcke einander in der Machtausübung abwechseln. Wenn aber der antimacronistische Block von Marine Le Pen verkörpert wird, müssen wir uns darauf einstellen, dass sie eines Tages ins Elysée einziehen wird?

Fourquet: Nicht 2022.

ZEIT: Was, wenn sich der Macron-Block der Reformisten zersetzt und es Deserteure nach rechts und links gibt?

Fourquet: Macron muss versuchen, das zu verhindern. Und er muss entscheiden, wie viel er von seiner Rentenreform beibehalten will. Für die Republikaner (ehemals die Partei Sarkozys, Anm. d. Red.) zeigt sich da ein Angriffspunkt.

ZEIT: Hierzulande gilt die große Koalition vielen als Gefahr, denn sie mache die Ränder stark, vor allem die extreme Rechte. In Frankreich gibt es keine solche Koalition, aber ist die Partei Macrons, die République en Marche (LReM), nicht auch eine Art Groko und damit auf Dauer ein Risiko?

Fourquet: Wenn Sie glauben, eine Schwächung der LReM bedeute eine Stärkung des RN, dann bewegen Sie sich noch im alten Schema, in dem es zwei Kräfte gab, die jeweils für 40 Prozent gut waren, eben die Rechte und die Linke. Damals entschied eine kleine Gruppe von Wählern der Mitte darüber, wer im zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl über 50 Prozent kam. Aber diese beiden Blöcke sind nicht mehr da. Es ist die ganze Schwierigkeit von Marine Le Pen, mit ihren radikalen Positionen über 50 Prozent zu kommen.

ZEIT: Aber wenn die linken Wähler, die 2017 Macron gegen Le Pen die Stimme gaben, im Jahr 2022 den Urnen fernbleiben?

Fourquet: Ja, das hören wir sehr oft. Aber am Tag X, wenn die Gefahr droht, dass Le Pen gewinnt, dann werden sie doch abstimmen.

ZEIT: Riskante Wette.

Fourquet: Ich bin da zuversichtlich. Aber zur übernächsten Wahl 2027 könnte alles anders sein.