Wer eine Zeitreise in die Zukunft des Menschen und gleichzeitig in die Geschichte der Science-Fiction-Literatur antreten will, der muss in Tokio eine geheime Tür finden. Ein Doktorand der Universität Tokio holt mich an der U-Bahn ab, huscht mit mir um einige Straßenecken und schließlich eine Treppe hinunter in einen Keller ohne Klingel und Türschild. Wer hier anklopft, gelangt in ein berühmtes Labor – Heimat einer kleinen Forscherszene und eines futuristisch anmutenden Gegenstandes, dem "erweiterten Menschen". Diese Vision geht weit über elektronische Gadgets hinaus. Es ist die Vision einer Verschmelzung von Körper und Maschine.

Hinter der Kellertür verbirgt sich das Labor von Jun Rekimoto. Seinen Namen hauchen hier alle ehrfürchtig. Der Professor gilt als der Begründer der Idee des erweiterten Menschen. Kaum eine Konferenz zu diesem Thema kommt ohne einen Vortrag von ihm aus. Manche sagen, Rekimoto habe auch den Begriff "Augmented Human" erfunden, "Erweiterter Mensch". Jedenfalls hat er ein Händchen für Worte. Sein Labor nennt er "Laboratoire Révolutionnaire et Romantique" – "Revolutionäres und Romantisches Labor". Es ist voller Bilder, die Menschen mit allerlei technischem Körperzubehör zeigen.

Viele seiner Projekte tragen Namen aus Science-Fiction-Romanen. Besonders auffällig sind die Bezüge zu William Gibsons Klassiker Neuromancer von 1984. Gibson hat in seinen Romanen das Internet beschrieben, Computerbrillen, selbstlernende künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos und den Cyberspace – lange bevor Ingenieure all dies Realität werden ließen. Deswegen wurde Gibson oft als eine Art Hellseher beschrieben.

Und so stellt sich wohl jeder, der dieses Labor betritt und Jun Rekimotos Forschung sieht, unweigerlich die Frage: Gestalten Science-Fiction-Autoren die reale Zukunft, indem sie mögliche Zukünfte vorhersagen – weil sie diese im Kopf zur Realität werden lassen? So hat Gibson im Roman Neuromancer die Fähigkeit vorhergesagt, in einen anderen menschlichen Körper zu schlüpfen. Genau daran arbeitet der Gibson-Fan Rekimoto.

Der Professor weiß, wie er seine Forschung effektvoll in Szene setzt

Der Doktorand reicht mir eine Datenbrille und setzt sich selbst einen klobigen, mit einer Kamera bestückten Helm auf. Das Bild dieser Kamera erscheint in meiner Virtual-Reality-Brille; deren Perspektive wird damit in den Kopf des Doktoranden versetzt: Mein eigener Körper erscheint im Blickfeld, als stünde ich mir selbst gegenüber. Jetzt sehe ich, was er sieht. Und huch! Plötzlich steht Rekimoto neben mir. "Jack in head", sagt er in einem ruhigen, freundlichen Tonfall und streckt seinen rechten Arm vor.

Der 57-jährige Professor steht vor dem Doktoranden mit dem Kamerahelm und reicht diesem die Hand. Er weiß, dass ich ihn aus der Perspektive des jungen Mannes sehe, und er wird meine Hand, die ich ihm reichen will, in der Luft hängen lassen müssen. Schließlich befindet er sich gar nicht in Reichweite. Rekimoto weiß, wie er seine Forschung effektvoll in Szene setzt.

Rekimotos Motivation speist sich aus der Science-Fiction: "Gibson hat in Neuromancer den Cyberspace erfunden, den Raum zwischen den Computern", schwärmt er, während er mich vom Headset befreit. In dem Roman können sich Menschen in virtuelle Räume beamen, wofür Gibson den Begriff "Jack in" geprägt hat, "einklinken": Sie kapern quasi virtuelle Körper. Jun Rekimoto war 24 Jahre alt, als Neuromancer erschien – und der Roman hat ihn von Anfang an bewegt. Die Idee mit dem Cyberspace mag damals noch abstrakt gewesen sein. Aber Rekimoto hat die Idee schon immer begeistert. Und spätestens mit der virtuellen Realität ist sie nun tatsächlich real geworden.