Künstliche Intelligenz könnte helfen, menschliche Handgriffe auf die jeweils beste und effizienteste Art durchzuführen, erklärt Rekimoto. Sie könnte diese mittels Sensoren aufzeichnen und in elektrische Muskelsignale übersetzen. Noch ist die Technologie längst nicht exakt genug, um jeden Muskel des Menschen anzusteuern. Aber Rekimoto malt sich eine Welt aus, in der die Menschen der Zukunft sich einen Anzug mit Elektroden anziehen und sich die entsprechende Fähigkeit aus dem Internet herunterladen können, um Klavier zu spielen wie ein Pianist oder zu tanzen wie eine Ballerina. "Internet of Abilities" nennt er das, "Internet der Fähigkeiten".

Man solle Science-Fiction nicht "als Rahmen für Vorhersagen über Zukunftstechnologien betrachten", schreiben die Autoren Russell und Yarosh. Sinnvoller sei es, den kreativen Akt als Erweiterung der Ideen zu nutzen und nicht zu eng am Original zu kleben. Philipp Jordan, der derzeit an der University of Hawaii die Verbindungen zwischen Science-Fiction und Wissenschaft systematisch untersucht, weist darauf hin, dass die Fiktion die Technologie durchaus divers abbildet: "Science-Fiction-Filme zeigen nicht nur Geräte, Interaktionen und Schnittstellen, sondern auch eine Bandbreite möglicher Zukunftsszenarien, von Utopie über Realität bis hin zur Dystopie." Als Beispiele nennt der Maschinenbau-Ingenieur, der sein Diplom in Stuttgart gemacht hat, den Film Her aus dem Jahr 2013, in dem es um die Liebesbeziehung eines Menschen mit einem virtuellen Partner geht. Und Ex Machina, der die ethischen Grenzen der Mensch-Roboter-Beziehungen auslotet.

Ein alter Traum der Literatur lebt wieder auf – den Geist in einen anderen Körper zu versetzen

Ein anderes Labor, 60 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegen, an der Universität Tsukuba. Hier arbeitet der Doktorand Jun Nishida am selben Thema. Doch denkt er in umgekehrter, noch radikalerer Richtung: Könne künstliche Intelligenz nicht gleich den Körper eines anderen Menschen übernehmen? Nishida findet das nicht befremdlich. Mit Rekimoto gedacht, erscheint Gibsons "Jack in" wie eine Art Entführung.

Jun Nishida aber stellt es sich wie das Fahren per Anhalter vor. Er greift damit zurück auf die japanische Manga-Tradition, die durchaus ein positives Bild der Mensch-Maschine-Verschmelzungen zeichnet. Vielleicht erklärt ja dieser Optimismus den Vorsprung der japanischen Forscher, wenn es um die technische Erweiterung des Menschen geht.

Jun Nishida ist 28 Jahre alt – und damit jünger als viele der alten Science-Fiction-Visionen aus Literatur und Film. Doch auch er hat einen Traum. Er beruht auf einem Meilenstein der japanischen Mangas: Ghost in the Shell. Der Comic, erschienen 1989, handelt davon, dass im Jahr 2029 die Persönlichkeit vieler Menschen (ihr ghost) in künstlichen Körpern (den shells) steckt. Die Geschichte ist mehrfach als Anime umgesetzt worden, später als Hollywoodfilm. Und die Wachowski-Geschwister, bekennende Ghost-Fans, griffen in ihrer Matrix-Trilogie viele Motive dieses Animes auf. Jun Nishida erzählt davon, wie er das Buch im Alter von zehn Jahren gelesen hat: "Die Idee, unseren Geist in einen anderen Körper zu versetzen, hat mich seither nicht mehr losgelassen." Es ist ein alter Traum der Literatur, den die Technik heute neu belebt.

Heute arbeitet der Ingenieur daran, diesen Traum zu verwirklichen. Dafür benötigt er eine Versuchsperson, genauer: einen Körperteil von ihr. Am Arm seines Probanden befestigt Nishida ein Band mit Elektroden. Dann streift er sich selbst ein ähnliches Armband über. Beide sind mit einem Computer verbunden. Nishida schließt seine Hand – sofort misst das System jenes Signal, welches vom Gehirn an den Muskel geht. Und es wird weitergeleitet an die Elektroden am Unterarm des Probanden. Die elektrische Spannung lässt dessen Handmuskeln zucken. Wenn nun also Nishida seine Hand schließt, schließt sich die des Probanden auch – und der schaut verblüfft: Nishida kann ihn fernsteuern.

Noch ist die Technik fehleranfällig, und sie muss für jeden individuell präzise kalibriert werden. Nishida arbeitet inzwischen gemeinsam mit Forschern aus den USA und Deutschland an seiner Vision. Dabei ist ihm aufgefallen: "Die Menschen in Japan sind offener für die menschliche Erweiterung, wegen der Animes." Die Kunstfiguren transportierten ein positives Bild der menschlichen Erweiterung. Das fange schon bei den Robotern an, sagt Jun Nishida:"Wir empfinden sie als freundliche Wesen, als Unterstützer, während die Deutschen vor allem Angst haben, dass sie ihnen die Arbeit wegnehmen."