DIE ZEIT: Jungs gelten seit Jahren als Sorgenkinder des Bildungssystems. Im Schnitt sind sie weniger motiviert, schreiben schlechtere Noten, scheitern häufiger. Ist die Schule zu wenig auf ihre Bedürfnisse eingestellt?

Jürgen Budde: Die gute Nachricht ist: Es gibt eine stärkere Aufmerksamkeit für die Jungen, eine größere Sensibilität bei Eltern und Lehrkräften. Die schlechte Nachricht: Wir wissen inzwischen, dass der Versuch, eine jungengerechtere Schule zu schaffen – vereinfacht gesagt: mehr raufen, weniger lesen –, nicht funktioniert.

ZEIT: Die gesellschaftliche Debatte hat sich in den letzten Jahren stark darum gedreht, wie sich alte Männlichkeitsklischees überwinden lassen. Dass Jungs mehr sind als wild und widerständig. Haben sich die Geschlechterstereotype mittlerweile nicht deutlich abgeschwächt?

Budde: Sie haben an Radikalität verloren. Ein Junge weint nicht! Solche scharfen Botschaften hört man viel weniger. Aber in der Summe sind die Stereotype weiterhin wirkmächtig und haben sich sogar noch ausgeweitet. Vor zwanzig Jahren wäre keiner auf die Idee gekommen, Kindern Spider-Man- oder Lillifee-Socken anzuziehen.

ZEIT: Wie geschlechtersensibel sind die Lehrer denn inzwischen geworden?

Budde: Wir finden nur noch wenige Stereotype, die sich direkt in den Unterricht einschleichen. Es gibt kaum Lehrer, die offensiv Mädchen bevorzugen. Der Physiklehrer, der Mädchen grundsätzlich für nicht fähig hält, existiert nicht. Das wäre auch absurd und absolut nicht tragbar. Stattdessen ist es inzwischen üblich, Mädchen und Jungen abwechselnd zu Wort kommen zu lassen. Das Geschlecht als Sortierungskriterium ist für mich allerdings ein Schritt in die falsche Richtung.

ZEIT: Woran müsste die Schule noch arbeiten?

Budde: An ihren symbolischen Botschaften. Wie sieht es bei den Schulfesten aus? Am Tag der offenen Tür? Tritt nur der mädchendominierte Schulchor auf – oder gibt es auch eine Beatbox-Gang auf der Bühne? Welche Fotos werden auf der Homepage gezeigt? In der Regel sieht man Jungen beim Sport oder im Chemie-Raum. Wir brauchen an den Schulen aber nicht nur die Anerkennung für das Geschlechtertypische, sondern gerade auch für das Untypische.

ZEIT: Werden die künftigen Pädagogen besser darauf vorbereitet?

Budde: Das Thema ist in der Lehramtsausbildung angekommen und wird meist im Kontext von Heterogenität und Ungleichheit mitverhandelt. Wir haben dafür an der Uni Flensburg für den Bachelor Pflichtmodule eingerichtet. Damit sind wir nicht die Einzigen, das machen inzwischen viele. Allerdings kann man nicht ignorieren, dass es in den letzten Jahren massive Angriffe von rechts gegen Geschlechterthemen im Bildungsbereich gab. Das geht an Wissenschaftlern und Pädagogen nicht spurlos vorbei. Geschlecht ist kein Thema, bei dem alle begeistert aufschreien.

ZEIT: Einige Schulen trennen Jungs und Mädchen in bestimmten Fächern wieder. Wie sinnvoll ist das?

Budde: Wir haben dazu eine Untersuchung in einer fünften Klasse eines privaten Gymnasiums mit parallelen Mädchen- und Jungenklassen gemacht. Das Konzept funktionierte für beide Klassen so weit gut. Allerdings schlichen sich bei den Lehrmethoden schnell Klischees ein: In der Jungenklasse ging es viel um Konkurrenz und Bewegung. Die Mädchenklasse war ruhiger und fantasievoller, es wurde viel gesessen, geschrieben, gemalt.

ZEIT: Wird man den Neigungen von Mädchen und Jungen so besser gerecht?

Budde: Es ist eher so, dass das Risiko, die Geschlechterstereotype zu verstärken, dadurch wieder größer wird. Idealer und in unserem Schulsystem auch viel praktikabler ist es, wirklich differenziert zu unterrichten. Und so mit flexiblen Ansätzen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber doch nicht starr entlang der Geschlechter trennen!

ZEIT: Brauchen wir dann überhaupt spezielle schulische Angebote für Jungs?

Budde: Die Schulen experimentieren ja gerade sehr viel herum. Die einen richten Kampfsportkurse ein, die anderen bieten Yoga an. Der Kampfsport stößt vermutlich bei Jungen auf mehr Interesse als Yoga. Aber wenn nur Kämpfen angeboten wird – was passiert dann mit den Jungen, die das nicht mögen? Zwingt man sie in etwas hinein?

ZEIT: Am Ende stülpt man also immer irgendwem etwas über, egal, wie gut man es meint?

Budde: Die neue Sensibilität birgt auf jeden Fall auch Gefahren: Wenn ich ständig mitdenke, dass Jungs problematisch sind, kann das dazu führen, dass ich weniger von ihnen erwarte. Wer besonders geschlechtergerecht handeln will, verstärkt möglicherweise die Männlichkeitsmuster, die er eigentlich abbauen möchte. Aus diesem Dilemma kommen derzeit weder Schulen noch Eltern heraus. Und auch die Wissenschaft hat da keine endgültige Antwort parat.