Was sagt ein Mann, der immer wieder über etwas reden muss, über das er eigentlich nie hatte reden wollen? Etwas, das ihn nun aber immer wieder einholt, ihn heimsucht, sodass er gar nicht mehr anders kann, als nur noch darüber zu sprechen?

Als am Mittwochmorgen der vorigen Woche Karamba Diabys Handy klingelt, kann der Bundestagsabgeordnete nicht rangehen, er hat eine Sitzung. Aber, so sagt er heute, er habe sich schon gewundert. Warum ruft die Mitarbeiterin an? Sie weiß doch, dass er jetzt nicht rangehen kann? Sekunden später erreicht ihn eine WhatsApp-Nachricht.

"Hallo Karamba, entschuldige die Störung. Ich habe eben festgestellt, dass wir fünf Einschusslöcher in unserer Scheibe im Bürgerbüro haben. Ich habe soeben die Polizei verständigt, vielleicht können wir später mal telefonieren."

"Kannst du mir ein Bild davon senden? Nette Grüße, Karamba."

Es ist das Bild, das später die ganze Republik bewegen wird. Löcher in der Fensterscheibe, in der Fensterscheibe des Wahlkreisbüros von Karamba Diaby in Halle/Saale.

Später wird die Polizei an zwei weiteren Gebäuden Abdrücke von Projektilen in Fenstern finden, es handelt sich um eine italienische Weinbar und um ein alternatives Programmkino. In der Nacht darauf werden Schüsse auf die Fenster der Hallenser Staatsanwaltschaft abgegeben werden.

Halle, schon wieder Halle. 14 Wochen nach dem Anschlag, bei dem ein Rechtsextremist in der Stadt zwei Menschen tötete und in einer Synagoge viele mehr töten wollte – 14 Wochen danach ist der Hass wieder unterwegs in dieser Stadt. Diesmal richtet er sich gegen einen Politiker, den 58-jährigen Karamba Diaby.

Das Erste, das ihm durch den Kopf gegangen sei, so erzählt er es: "Stell dir vor, die Mitarbeiter wären vor Ort gewesen." Direkt hinter der Scheibe befindet sich ein Arbeitsplatz.

Als Diaby, aufgewachsen im Senegal, vor sieben Jahren als erster in Afrika geborener Abgeordneter in den Bundestag kam, fanden viele in der SPD: Der muss was mit Integration machen.

Aber Diaby, der 1985 für sein Chemiestudium in die DDR gekommen war, interessierte sich für Bildung, für Umwelt. Er hat promoviert über die Böden von Halle: Damals, Anfang der 1990er-Jahre, hieß es, die Erde in der Stadt sei so vergiftet, dass man hier keine Kleingärten betreiben könne. Diaby pflanzte Kohlrabi, Sellerie, Äpfel. Er untersuchte die Früchte – und wies nach: Das ist sehr wohl alles genießbar.

Diaby wurde im Bundestag Mitglied des Bildungsausschusses. Er sagte Sätze wie diesen in der ZEIT: "Ich will nicht dafür berühmt sein, dass ich schwarz bin." Er wollte ganz selbstverständlich Politik machen, wie jeder andere.

Aber dieses Thema, Rassismus, verfolgt ihn.

Juni 2015: Die Scheiben von Karamba Diabys Wahlkreisbüro werden eingeschmissen. "Gewalt ist keine Meinungsäußerung", erklärt Diaby danach.

Oktober 2019: Nach den Angriffen auf die Synagoge ist Diaby als Abgeordneter ständig vor Ort, gibt Interviews, steht für seine Stadt ein. Er nimmt an einer Mahnwache teil, er wartet vor der Synagoge, er sagt, die Lage in der Stadt sei schwieriger geworden: "Ich bekomme in letzter Zeit immer mehr negative, beleidigende, rassistische Kommentare."

Nun, im Januar 2020, die Einschusslöcher an seiner Scheibe. Die Schüsse, teilt die Polizei mit, wurden wahrscheinlich aus einer Softair-Pistole abgegeben.

Der Bundespräsident ruft bei Karamba Diaby an, sagt: Lass dich nicht einschüchtern. Im Bundestag kommt Angela Merkel auf ihn zu. "Sie sagte, dass sie es schrecklich finde, was da passiert sei, dass ich auf ihre Unterstützung zählen könne." Und Diaby erwiderte: Wenn Sie mal nicht mehr Kanzlerin sind, werden viele erst merken, was wir an Ihnen hatten.