Katholiken knien unter den Arkaden des Petersplatzes, als der Papst den Segen spricht. © Kurt Wagner/​INTERFOTO

Es war Weihnachten. Alles erstrahlte in größtmöglicher Festlichkeit, Stille Nacht wurde gesungen, das Weihnachtsevangelium verkündet, halleluja, halleluja. Und dann kam irgendwann das Hochgebet. Wie eigentlich immer. Katholiken kann auch an Weihnachten nicht überraschen, dass das Hochgebet kommt. Spätestens bei "Erhebet die Herzen" sollte jedem Gottesdienstbesucher klar sein, wohin die Reise geht. Sie geht nämlich nach unten, auf die Knie. Doch es kniete vielleicht die Hälfte der Besucher in dieser heiligen Nacht, in dieser vollen Kirche im Bistum Trier. Ein trauriges Bild. Noch vor ein paar Jahren lag die Knie-Quote deutlich höher. Das Knien wird vom Gottesdienstbesucher eigentlich verlangt. In den meisten deutschen Gemeinden beginnt das Niederfallen nach dem Lied zum Sanctus, manchmal auch erst ein paar Sätze später, wenn der Priester die Einsetzungsworte spricht: "Denn an dem Abend, an dem er ausgeliefert wurde ..." und so weiter. Dann bestimmt und definiert es den Katholizismus geradezu, dass gekniet wird. Aber immer weniger Gottesdienstbesucher tun es, und vor allem nicht mehr an Weihnachten oder an anderen hohen Feiertagen.

Woran liegt das? An der Zahl gottesdienstfremder säkularisierter Deutscher, die am Heiligen Abend in die Kathedralen strömen, um sich im Abglanz des Vaters (wie es in "Adeste fideles" so schön heißt) zu sonnen und sich gleichzeitig falsch zu verhalten? Weit gefehlt. Wer an hohen Feiertagen in die Kirchen kommt, tut das, weil er das Ritual kennt und will. Und dann aber bitte auch auf die Knie. Denn das Knien als Demutsgeste zeigt doch den größtmöglichen Respekt, den man aufbringen kann vor einem so schwer zu glaubenden Phänomen wie der Wandlung von Brot und Wein, die ja im Hochgebet, im Canon Missae, folgt. Wann sollte man knien, wenn nicht dann? Es vollzieht sich nach offizieller katholischer Lesart schließlich ein himmelhohes Wunder.

Freilich kann man es auch zu eifrig betreiben. Jeder Katholik kennt die besonders motivierten Banknachbarn, die schon in der letzten Strophe des Sanctus-Lieds Richtung Kniebank sinken, um allen zu zeigen, dass sie wissen, was im Ordinarium Missae jetzt als Nächstes dran ist. Das muss ja nicht sein. Was aber noch weniger sein muss: hinsetzen. Wenn man sich schon außerstande sieht zu knien (Senioren sind entschuldigt), dann kann man wenigstens stehen und also eine weniger fernsehguckartige Haltung einnehmen, als auf der Bank zu lümmeln.

Es gibt – zumindest im Leben eines Katholiken – eigentlich kaum eine andere Situation, in der auf beide Knie niedergefallen wird. Das Hochgebet ist dafür der exklusive Platz. Die Mundkommunion, bei der gekniet wurde, ist (in Deutschland) mit Recht aus der Mode gekommen, weil es nach dem Zweiten Vatikanum immer weniger denkbar wurde, vor einem Priester gen Boden zu sinken. Genauso erging es der einseitigen Kniebeuge, die angesetzt war, sollte man als Laie auf einen Bischof oder Kardinal treffen. Diese spezielle Art der Genuflexio, die heute noch bei Anhängern der Piusbruderschaft gebräuchlich ist, wird sonst nur von besonders frommen Individuen wie Gloria von Thurn und Taxis betrieben.

Selbst Franziskus verbittet sich Kniebeuge und Ringküssen; es gibt lustige Videos von ihm, wie er den Fischerring den Gläubigen, die es versuchen, entzieht. Gerade weil das Kniebeugen auf dem Rückzug ist, sollte es in seinem natürlichen Habitat, dem liturgischen Geschehen, auch weiterhin praktiziert werden.

In der Antike war das Niederfallen vor einem weltlichen Herrscher weit verbreitet. Diese sogenannte Proskynese praktizierten Perser und Hellenen. Im Mittelalter sank man auch in Europa auf mindestens ein Knie, wurde man eines Herrschers ansichtig, und verharrte dort. Den weltlichen Granden ist solche Unterwürfigkeit im 21. Jahrhundert weitestgehend entzogen worden – es sei denn, sie schlagen jemanden zum Ritter. Als das westliche Individuum vom Untertan zum Bürger wurde, verschwand auch das Knien. Eigentlich ist es für einen modernen Menschen des 21. Jahrhunderts gänzlich undenkbar, vor irgendeiner Autorität das Knie zu beugen. Die eigene Autonomie steht über allem. Hier lehrt der Katholizismus Demut: Es gibt einen Herrscher, auch wenn es ein himmlischer ist.

Die allerwichtigsten Stellen der Messe werden durch das Knien erhöht.

In vielen Religionen gilt der Kniefall als höchste Ehrfurchtsgeste, seinen festen Platz hat er zum Beispiel im Islam. Bei der sogenannten Sadschda berührt auch das Gesicht des Betenden den Boden. Das kommt auch im Katholizismus vor. Zu Beginn der Karfreitagsliturgie wirft sich der Zelebrant im Altarraum komplett zu Boden. Während der Priesterweihe (ebenso: Jungfrauenweihe) strecken sich die Weihekandidaten bäuchlings aus, dann wird die Allerheiligenlitanei angestimmt. Wer jemals eine Priesterweihe gesehen hat, kann bezeugen: ein ehrfurchtsvoller Moment. Zuerst werden alle Heiligen des Himmels angerufen, direkt im Anschluss legt der Bischof den Männern die Hände aufs Haupt, um sie zu weihen.