Was im Tagebau gelte, gelte auch im Boot, sagt Michael Kadler: Am wichtigsten sei der Zusammenhalt. Wie jeden Sonntag sitzt er mit seinen Kollegen vom Braunkohle-Kraftwerk Jänschwalde auf einem Drachenboot, das sie Hai Voltage genannt haben. Zu zwölft fahren sie die Cottbusser Spree entlang. Wochenend-Sport. "Eins, zwei, Feuer und vier!", brüllt der Steuermann. Michael Kadler und die anderen paddeln im Takt, das Boot beschleunigt.

Kadler, 59, ist Steiger, eine Art Teamleiter im Bergbau. Er ist in Cottbus geboren und immer dort geblieben. Seit 42 Jahren arbeitet Kadler in der Braunkohle. "Was in den letzten Monaten passiert ist", sagt er, "das war für mich nervlich gesehen das Krasseste, was ich je erlebt habe." 2019 nennt er das "Unsicherheitsjahr". Jeden Tag habe er sich gefragt, wie es weitergehe mit der Braunkohle und also auch mit ihm, seinen Kollegen, der ganzen Region. Vorige Woche nun hat ihm die Politik versprochen, dass seine Rente sicher sei und er, selbst wenn der Tagebau vorher geschlossen wird, ein gutes Übergangsgeld bekomme. Allein: Kadler traut dem Frieden nicht. "Wenn der Staat lenkt, was hier passieren soll, wird das, glaub ich, nichts", sagt er.

Dass Kadler wie viele seiner Kumpel in der Lausitz der Politik nichts mehr glaubt, hat viel mit der Energiepolitik der großen Koalition zu tun. Fast zwei Jahre lang kündigte die Bundesregierung den Kohleausstieg immer wieder an, vertagte ihn und stritt dann erneut darum. Und so ist wohl auch der Deal, den die Bundeskanzlerin vorige Woche mit den Ministerpräsidenten der Kohleländer schmiedete, für viele in der Lausitz nur ein weiterer Akt in einem großen Theaterstück.

Es begann mit dem Koalitionsvertrag, in dem sich Union und SPD grundsätzlich darauf geeinigt hatten, einen Plan "zur schrittweisen Reduzierung und Beendigung der Kohleverstromung einschließlich eines Abschlussdatums" zu entwickeln. Doch dann delegierten sie das Thema erst einmal an eine Kommission, die einen genauen Fahrplan ausarbeiten sollte. Nach Monaten des Tagens präsentierte die schließlich ein Ergebnis, entscheidende Details blieben aber ungeklärt – etwa die Frage, welches Kraftwerk und welcher Tagebau wann schließen muss. Dies solle das Bundeswirtschaftsministerium klären, hieß es aus der Kommission, doch dort ging über ein Jahr lang nichts voran. Inzwischen hat die Kanzlerin übernommen: Vorige Woche schmiedete sie in einer Nachtsitzung mit den Ministerpräsidenten der betroffenen Länder einen konkreten Plan. Seither gibt es zwar Listen, wann welches Kraftwerk abgeschaltet werden soll. Es gibt zudem das nochmalige Versprechen, dass bis 2038 bis zu 40 Milliarden Euro zur Strukturstärkung in die Regionen fließen sollen, 17 Milliarden sind für die Lausitz vorgesehen. Es gibt Zusagen, dass Kumpel wie Kadler bis zur Rente gut versorgt werden. Nur: Ein Gesetz dafür gibt es noch immer nicht.

An der Abbruchkante

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In der kommenden Woche will Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nun einen Entwurf im Kabinett einbringen. Wird der dort verabschiedet, ist der Bundestag dran, wo erneut Streit droht: Teile der SPD wollen dem Gesetz nur zustimmen, wenn die Union den Windkraftausbau nicht länger boykottiert. Auch über diesen Streit könnten weitere Monate verstreichen. Es gäbe immer noch kein Geld – und keine Planungssicherheit für die Lausitz.

Zwanzig Kilometer südlich von Cottbus steigt Christine Herntier in ihr Auto vor dem Spremberger Rathaus. Sie ist die Bürgermeisterin der Stadt, parteilos und Sprecherin der Lausitzrunde, eines Bündnisses von Bürgervertretern aus der Region, die sich mit Blick auf den bevorstehenden Strukturwandel zusammengeschlossen haben. Herntier hat den Kompromiss der Kohlekommission mitverhandelt. "Da bin ich als Stimme der Lausitz aufgetreten", sagt sie. "Ich habe den Kohleausstieg mit beschlossen. Ich muss das hier jetzt aber auch erklären können." Sie ist zufrieden mit dem Kompromiss – so sehr, dass sie ihn als "historisch" bezeichnet. Andererseits fällt ihr das Warten auf den versprochenen Geldregen von Monat zu Monat schwerer, denn sie glaubt: "Wenn das Geld nicht bald kommt und wenn es nicht richtig eingesetzt wird, dann droht eine zweite Nachwendezeit."

Welche Verwerfungen, welche Brüche die Neunzigerjahre in der Lausitz hinterlassen haben, weiß Christine Herntier genau. Die Region war Industriehochburg und Energiezelle der DDR gewesen. 1989 arbeiteten hier 79.000 Braunkohle-Kumpel, im Jahr 2000 waren es nur noch 7000. Doch nicht nur der Bergbau brach zusammen, sondern auch fast die gesamte restliche Industrie: Herntier leitete zur Wendezeit drei Textilfabriken. Sie musste alle Mitarbeiter entlassen, 3000 Menschen. Junge Leute zogen in Scharen weg. Seit der Wende schrumpfte die Bevölkerung in der Region um knapp ein Drittel. Die Lausitz überaltert.

Auch wenn heute nur noch etwa 16.000 Arbeitsplätze direkt von der Braunkohle abhängen: Die Lausitzer haben Angst vor einem zweiten Strukturbruch und keine Geduld mehr. Christine Herntier sagt: "Wir müssen jetzt ganz schnell liefern." Liefern heißt für sie: neue Industrie-Arbeitsplätze schaffen. Sie weiß: Die 17 Milliarden Euro für die Region sind einerseits eine riesige Chance. Aber sie versteht auch die Sorge der Kumpel, am Ende überflüssig zu sein. Denn viel von dem Fördergeld wird in neue Forschungsinstitute oder in die Infrastruktur gesteckt werden, was nicht automatisch gute Jobs für Industriearbeiter sichert. Wie soll sie also dem Baggerfahrer erklären, dass ein neues Uni-Klinikum am Ende auch gut für ihn ist?