Die Entscheidung kam für viele überraschend: Ein Deutsches Zentrum für Fotografie solle entstehen, hatte ein privater Verein aus Düsseldorf gefordert. 41,5 Millionen Euro bewilligte dafür der Haushaltsausschuss des Bundestages Ende 2019 in der sogenannten Nacht der langen Messer, einer "Bereinigungssitzung", bei der noch großzügig zusätzliche Mittel verteilt werden. Nach Angaben von Mitgliedern geschieht das häufig ohne große Sachkenntnis und längere Diskussionen. Was die Abgeordneten offenbar nicht wussten: Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters denkt ebenfalls über ein solches Zentrum nach, hat sich aber keineswegs schon auf einen Standort festgelegt – anders als der Haushaltsausschuss, der Düsseldorf favorisiert hat.

In Grütters’ Augen ist ein nationales Fotozentrum vor allem nötig, um das visuelle Kulturerbe, die Arbeit all jener vor allem noch analog arbeitenden Fotografen zu sichern, die in ihrem Bereich zu einer eigenen Bildsprache gefunden haben. Viele von ihnen sind in einem Alter, in dem dringend darüber entschieden werden muss, was mit ihren Negativen, Prints und Urheberrechten passieren soll; ansonsten verstreut sich ihr Nachlass, das visuelle Gedächtnis der Republik, oder wird sogar vernichtet. Ein nationales Archiv, das dezentrale Aktivitäten zentral unterstützt und vernetzt, wäre dafür die beste Lösung. Große Ausstellungen sind hingegen nicht geplant, das Fotozentrum würde den vielen bestehenden Fotosammlungen in Berlin, Essen, Hamburg, Hannover oder München keine Konkurrenz machen. Im Gegenteil: Viele Museen und Initiativen begrüßten bei einer Diskussion im vorigen Jahr die Pläne, weil ihnen ohnehin Geld, Raum und geeignete Lagermöglichkeiten für Negative, Prints und deren Aufarbeitung fehlen.

Umso seltsamer wirkt es, dass der Haushaltsausschuss andere Pläne befürwortet. Die Festlegung auf Düsseldorf als Standort des Fotozentrums deutet darauf hin, dass der Verein zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts unterstützt werden soll, der sich dort auf maßgebliches Betreiben des Fotografen Andreas Gursky gebildet hat. Es gibt sogar schon einen Entwurf für das Gebäude, das sich in das historische Gebäudeensemble zwischen Tonhalle und Kunstmuseum am Ehrenhof in Düsseldorf einfügen soll. Dabei ist eine Ausstellungsfläche von 2000 Quadratmetern geplant, obwohl gleich nebenan das Museum Kunstpalast und das NRW-Forum ebenfalls regelmäßig Fotoschauen zeigen.

Vor allem aber unterscheidet sich der Gursky-Verein von den Grütters-Plänen durch ein anderes Konzept: Danach soll eher ein Forschungszentrum entstehen, das den Bedürfnissen zeitgenössischer Farbfotografen dient. Wenn etwa das teure Original einer Fotografie – auch nach dem Tod der Fotografen – seine Farbe verliere, könne sich das Fotozentrum um die Neuproduktion von zertifizierten Farbabzügen kümmern, heißt es in einem Konzept-Papier. Eigentlich sind das Aufgaben für die Künstlerateliers und Galerien, die am Verkauf der Werke verdienen.

Seltsam ist die schnelle Bundestags-Entscheidung für diese Pläne, vor allem weil Grütters bereits im vorigen Sommer mit Ute Eskildsen, Katrin Pietsch, Thomas Weski und Thomas Gaehtgens vier Expertinnen und Experten erst einmal mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt hatte, die Ende März vorliegen soll. Dass man in Düsseldorf die Standortfrage trotzdem bereits für geklärt hält, kritisierte Monika Grütters noch kurz vor Jahresende im Deutschlandfunk: "So viel Respekt muss sein, gerade in der Szene untereinander, dass auch die Düsseldorfer Seite ihre Erkenntnisse dem Expertenteam zur Verfügung stellt und abwartet, was dann aus deren Munde, in deren Gutachten für alle verbindlich steht." Ein Interview, mit dem Gursky darauf im Spiegel reagierte, gilt inzwischen in Fotokreisen als Schuss nach hinten. Zu selbstbewusst habe der Fotograf seine Interessen und den Standort Düsseldorf vertreten.

Das Gursky-Papier war dem Vernehmen nach über den Düsseldorfer Kulturdezernenten und den Oberbürgermeister, in Absprache mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, direkt an den einflussreichen SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs weitergeleitet worden – an Monika Grütters vorbei. So kam die überraschende Zusage für die 41,5 Millionen Euro an Bundesmitteln zustande, die NRW und Düsseldorf nun aufstocken wollen. Ob alle Mitglieder des Haushaltsausschusses bei der Abstimmung von der beauftragten Expertenstudie wussten, ist nicht bekannt.

Monika Grütters weist deshalb darauf hin, dass niemand dem Gutachten und der Standortfrage vorgreifen könne. Die Finanzzusage des Bundestages sei eine "politische Willensbildung des Parlaments", diese bedeute aber "keinesfalls eine Vorentscheidung über die konzeptionellen Grundlagen eines künftigen Instituts", teilte sie auch dem Fachgremium mit. "Erst auf der Grundlage Ihrer Empfehlungen werden wir uns auf ein abschließendes Konzept für ein Institut für Fotografie verständigen."