Es ist kalt an diesem Abend in Argenta. Dichter Nebel hat die Stadt fest im Griff. Der Zeiger auf der Turmuhr im Zentrum steht auf kurz vor acht. Eine Stunde schon warten die Menschen hier auf Stefano Bonaccini. Der 53-Jährige ist Präsident der Region Emilia-Romagna, nun möchte er wiedergewählt werden. Bonaccini sei unterwegs, sagt einer der Organisatoren über Lautsprecher, irgendwo in den Weiten der italienischen Poebene kämpfe er sich durch den Nebel. Die Anwesenden mummeln sich noch tiefer in ihre Jacken und warten ohne Murren.

"Ich schätze, es sind an die zweihundert", sagt eine Funktionärin des sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), dem Bonaccini angehört. Sie wirkt einigermaßen zufrieden. Es ist noch nicht lange her, da füllte die Linke in der Emilia-Romagna mühelos Straßen, Plätze und Säle. In dieser Gegend nördlich der Hauptstadt der Region, Bologna, erzielten Sozialdemokraten und Sozialisten jahrzehntelang Wahlergebnisse um die sechzig Prozent. Ein Aufruf reichte, und die Massen kamen.

Wie viel von dieser Kraft ist noch übrig? Wie viele Menschen kommen noch, wenn man sie ruft? Das sind bange Fragen für die italienische Linke. Die Emilia-Romagna ist eine ihrer letzten Hochburgen. Bei den Regionalwahlen am kommenden Sonntag könnte diese Hochburg fallen, eingenommen von einem Mann, der vor Kurzem noch abgeschrieben schien: Matteo Salvini, Chef der Lega Nord. In den jüngsten Umfragen liegt die Lega in der Region zwischen 41 und 45 Prozent, nur noch knapp hinter dem PD. In Kalabrien, wo ebenfalls gewählt wird, sehen die Umfragen die Lega sogar vorn. Der große Preis aber ist die Emilia-Romagna.

Verliert die Linke dort, hätte das Auswirkungen für ganz Italien. Die Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten und der Fünf-Sterne-Bewegung in Rom könnte zerbrechen. Salvini wäre seinem Ziel nahe: der Rückkehr an die Macht, die er vor nicht einmal sechs Monaten verloren hatte. Damals, Anfang August 2019, war er Innenminister und wollte Neuwahlen erzwingen. Er sagte einen Satz, der viele Italiener erschreckte: "Ich will die ganze Macht!" Das gelang ihm nicht. Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung taten sich zusammen, um Neuwahlen zu verhindern. Salvini verlor sein Amt und sollte, so hofften seine Gegner, auf der Oppositionsbank "verhungern". Doch die Lega steht bis heute in Wählerumfragen landesweit stabil bei 30 Prozent – weit vor allen anderen Parteien.

Stefano Bonaccini ist der Mann, der einen Sieg der Lega in der Emilia-Romagna verhindern soll. Kurz nach acht Uhr taucht er endlich auf. Er hat schließlich doch durch den Nebel nach Argenta gefunden. Bonaccini steigt auf die Bühne, schaut sich um und nennt als Erstes eine Zahl: "Zwei-, dreihundert Menschen, die hier in der Kälte so lange ausharren, das ist ein gutes Zeichen, ein sehr gutes Zeichen!" Es klingt, als wolle er sich selbst der Tatsache versichern, dass die Linke noch mobilisieren kann. Dass seine Partei noch Anhänger hat, die für sie auf die Straße gehen.

Bonaccini beschreibt, was er in den vergangenen fünf Jahren erreicht hat und was er in Zukunft noch erreichen will. Er spricht mit Leidenschaft, seine Sätze sind gespickt mit Zahlen und mit Fakten. Bonaccinis Bilanz ist bemerkenswert. Die Arbeitslosigkeit ist von 9 auf 5 Prozent gesunken, die Industrie in der Region hat die lang anhaltende Krise einigermaßen unbeschadet überstanden, der Tourismus boomt, das Gesundheitswesen funktioniert. Am Ende seiner Rede sagt Bonaccini: "Wenn Italien so regiert würde wie die Emilia-Romagna, wäre es ein besseres Land!" Die Statistik gibt ihm eindeutig recht.

Doch mit Statistiken allein lassen sich keine Wahlen gewinnen, mit Gefühlen geht es schon eher, gerade in diesen aufgewühlten Zeiten. Nach einer jüngst veröffentlichten Studie des renommierten Instituts Cattaneo treibt die Menschen in der Emilia-Romagna vor allem eines um: Angst vor der Zukunft. "Eltern fürchten vor allem, dass ihre Nachkommen niemals die Sicherheit und den Wohlstand erreichen können, die sie selbst heute noch haben", schreiben die Autoren der Studie. Die Zukunft sei nicht mehr das, "was sie einmal war". Globalisierung, Robotisierung, Digitalisierung – damit ist weniger Hoffnung verbunden, sondern die diffuse Angst, von alledem überrollt zu werden.