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Als Elke Breitenbach gegen 18 Uhr an das Rednerpult im Deutschen Bundestag tritt, herrscht im Plenum bereits Aufräumstimmung. Donnerstag vergangene Woche, Tagesordnungspunkt 11, Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit. Die Berliner Sozialsenatorin spricht mit viel Kraft in der Stimme, sie blickt dabei auf halb leere Reihen und in müde Gesichter. Am Morgen wurde im Parlament bereits über ein neues Organspendegesetz abgestimmt, viel mediale Aufmerksamkeit, der restliche Sitzungstag wirkt dagegen wie eine lästige Nachwehe.

Bliebe nach langen Plenumssitzungen Pfand zurück, langsam wäre es Zeit, es einzusammeln, einmal durchzufegen und an morgen zu denken. Elke Breitenbach (Die Linke) war gekommen, um von der bundesweit ersten Obdachlosenzählung zu berichten. Weil Obdachlosigkeit schon immer eines dieser Nebenher-Themen war, passt es, dass Breitenbach einem halb leeren Saal davon erzählt.

In der Nacht zum 30. Januar werden rund 3700 Freiwillige in 500 Teams durch Berlin ziehen, um zu zählen, wie viele Menschen unter freiem Himmel leben. Das ist nicht weniger als eine absolute Neuheit: Noch nie hat es eine solche Zählung in einer deutschen Großstadt gegeben, noch nie gab es eine verlässliche Obdachlosenstatistik. Nicht in Berlin, nicht im Rest der Republik. Niemand weiß mit Sicherheit, eigentlich noch nicht einmal ungefähr, wie viele Menschen im Freien zurückbleiben, wenn sich das geschäftige Leben am Abend durch die Straßen der Hauptstadt drückt und hinter den Haustüren im Warmen verschwindet. Der Berliner Senat schätzt, dass es sich um 4000 bis 10.000 Menschen handelt. Man hat den Überblick verloren. "Wir brauchen Daten, wir brauchen Studien, wir brauchen Grundlagen", sagt Breitenbach in ihrer Rede. Andernfalls sei verlässliche Hilfe schlicht unmöglich.

"Je genauer wir wissen, wie viele Menschen auf der Straße leben, welche Sprache sie sprechen und welches Geschlecht sie haben, desto besser können wir die Hilfen für sie organisieren", sagte Breitenbach im Vorfeld Christ&Welt.

Die "Nacht der Solidarität" soll den Blick der Hauptstadtbewohner auf die Menschen ohne Obdach lenken. "Auch wenn immer noch viele Menschen lieber wegschauen, wir wollen, dass die Obdachlosen wahrgenommen werden, dass sie angesprochen werden, Hilfe angeboten bekommen." Mitte Februar habe man eine verlässliche Zahl. Auf dieser Grundlage lasse sich Hilfe koordinieren und Politik machen, so Breitenbach.

"Wenn ich abends zum Essen einlade, muss ich doch auch ungefähr wissen, wie viele Menschen kommen werden", sagt Dieter Puhl. Bis Ende 2018 war Puhl Leiter der Berliner Stadtmission am Bahnhof Zoo. Seit Februar leitet er für die Stadtmission die Stabsstelle "Christliche und gesellschaftliche Verantwortung". Seit 30 Jahren beschäftigt sich Puhl mit Obdachlosigkeit in Berlin. Boulevardmedien nennen ihn "Mr. Obdachlos".Welche Zahl erwartet Dieter Puhl? "Das weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass die Zahl in den letzten Jahren gestiegen ist. Dafür muss man kein Sozialarbeiter sein, sondern ein einfacher Bürger Berlins." Dann schiebt er nach: "Die obdachlosen Menschen, die wir als solche erkennen, halte ich für die Minderheit. Wir wissen nicht, wie viele Menschen Nacht für Nacht im Zug verbringen."

Gerade Menschen mit einem Schwerbehindertenausweis verbrächten oft die gesamte Nacht in der Bahn, die Fahrt ist für sie kostenfrei. Aus 30 Jahren Arbeit mit Obdachlosen weiß Dieter Puhl: Die meisten Menschen haben eine Meinung zu Obdachlosen, ohne sich jemals wirklich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Das geordnete Leben rauscht an diesen Menschen vorbei, als wären sie unsichtbar, als bräuchte man sie nicht anzusprechen, sie nichts fragen, weil man bereits alles weiß. Die Tatsache, dass sie auf der Straße leben, erzählt bereits ihre Geschichte. Das denken zumindest viele.

"Wenn 3700 freiwillige Helfer durch Berlin ziehen und nachts zählen, dann wärmt allein das die Stadt schon ein bisschen", sagt Puhl. "Die Stadtgemeinschaft solidarisiert sich, das ist sehr wichtig." Puhl hofft darauf, dass Obdachlosigkeit nicht mehr nur als rein soziales Problem bewertet wird. 60 Prozent der Menschen ohne Obdach seien psychisch erkrankt. "Zuständig wären auch das Gesundheitsministerium, der Senat für Inneres, für Bau." Für entsprechenden politischen Druck brauche es eine verlässliche Zahl, auf die sich Initiativen berufen könnten. Berlin geht dabei nun voran. "Obdachlose sind Teil der Gesellschaft", sagt Breitenbach.

Außerdem hat der Deutsche Bundestag am vergangenen Donnerstag beschlossen, eine bundesweite Wohnungslosenstatistik einzuführen. Darin werden Menschen ohne gültigen Mietvertrag erfasst, die in Notunterkünften untergebracht sind. Diese Zahl erfasst allerdings nicht die Obdachlosen in den Parks, an den U-Bahnhöfen, in den Vorräumen der Bankfilialen.

Hansaviertel

Svetlana (37) arbeitet seit 2010 bei der Berliner Stadtmission, leitet die Ambulanz und ist regelmäßig mit dem Ambulanzbus auf den Straßen Berlins unterwegs.

Es ist kurz nach 19 Uhr. Ich sitze neben der Ärztin auf dem Beifahrersitz im Kältebus. Wir steuern den U-Bahnhof Hansaplatz an. Dort suchen wir nach unseren Patienten. Eigentlich kennen wir hier die meisten Standorte. In dieser Nacht fehlen ein paar Männer. Wir nennen sie auch die "polnische Crew". Andere Männer erzählen uns von einer Räumung. Wo die Polen jetzt sind, das wissen sie nicht. Sie selbst haben keinen medizinischen Bedarf, freuen sich aber über einen heißen Tee. Wir suchen die Umgebung ab. Ein Wachmann macht uns auf einen Mann aufmerksam. Er wirkt völlig aufgelöst und desorientiert und möchte nicht in seine Wohnung zurück, die vermutlich zugemüllt ist. Nach längerem Gespräch finden wir eine Lösung und dürfen ihn wenigstens für diese Nacht in eine Notunterkunft bringen. Anschließend kehren wir zum Hansaplatz zurück. Nach 20 Minuten stoßen wir auf die vier polnischen Männer. Sie haben woanders ihre Zelte aufgeschlagen. Ein recht kleines und gemütliches Zuhause. Zwei von den jungen Männern leiden an Krampfanfällen. Sie klagen auch über Fußblasen und Magenschmerzen. Gut, dass unser Auto mit allem ausgestattet ist. Nicht weit davon entfernt finden wir später eine weitere Patientin von uns. Sie hat beide Vorfüße amputiert bekommen. Sie lebt auf einer Matratze unter freiem Himmel und wird von ihrem Freund versorgt. Die Ärztin und ich machen uns an die Arbeit. An einem Fuß ist die Wunde noch offen. Wir sind mit dem Wundheilungsprozess dennoch zufrieden. Inzwischen sind auch die Schmerzen besser geworden. Die Wärme, das Schmerzmittel und eine gemütliche Sitzmöglichkeit tun ihr Übriges.

Friedrichshain

Oliver (60) ist seit Winter 2011 ehrenamtlicher Kältebusfahrer.

Es war ein feuchter und ungemütlicher Dezemberabend, als uns ein Anruf erreichte: Ein Wohnungsloser säße in der Haupthalle des Vivantes Krankenhauses Friedrichshain. Wir fuhren sofort los. In der Haupthalle trafen wir auf einen Herrn des Wachschutzes, der dafür Sorge zu tragen hat, dass bloß kein Obdachloser im Warmen übernachtet. Das ist eben sein Job. Der wohnungslose Mann saß im Rollstuhl – das hatte man uns nicht gesagt! Wir waren mit dem regulären Bus unterwegs, damit können wir nur Menschen mitnehmen, die wenigstens von selbst einsteigen können. Wir erklärten der Polizei, dass wir den Mann so nicht mitnehmen können. Es war ein elektrischer Rollstuhl, tonnenschwer, die Batterie fast leer. Der Herr sprach eigentlich nur Russisch. Meine Kollegin entlockte ihm ein paar Worte auf Deutsch. Er sei im Afghanistan-Krieg gewesen – das rechte Auge verloren, einseitig beinamputiert ab der Hüfte und mehrere Finger durch Schussverletzungen verloren. Nach Schilderung des Wachschutzes wurde er aus der Notaufnahme entlassen, fuhr dann in die Haupthalle des Krankenhauses, versteckte sich in der Damentoilette, wurde entdeckt und schmiss schließlich in der Haupthalle des Krankenhauses alle Kleider von sich. Weil barrierefreie Plätze in den Notübernachtungen der Kältehilfe Mangelware sind, organisierten wir einen Platz in unserem Ambulanzzimmer. Wir hoben den Mann in den Bus. Die Polizei organisierte kurzerhand einen Wagen zum Transport des E-Rollstuhls, wir fuhren im Konvoi in die Notübernachtung. So konnte der Mann diese Nacht im Warmen verbringen. Aber: Am nächsten Morgen muss er wieder auf die Straße. Später rief ich den Polizisten an und bedankte mich für die Hilfe.

Prenzlauer Berg

Thalia (33), nachtverantwortliche Sozialbetreuerin in einer Notunterkunft, arbeitet seit August 2018 bei der Stadtmission.

Gegen zwei Uhr nachts ruft uns der Besitzer eines Dönerladens an. Vor seinem Laden säße ein älterer, obdachloser Mann, der immer wieder nach dem Kältebus frage. Aus eigener Kraft schaffe er es nicht mehr in eine der Notübernachtungen. Der Inhaber sagt noch: "Bitte beeilen Sie sich, dem Mann ist sehr kalt. Er zittert am ganzen Leib. Ich habe ihm eine Decke und einen Tee gegeben, aber das scheint ihm nicht zu helfen." Wir machen uns direkt auf den Weg. Angekommen, erkennen wir einen unserer Stammgäste. Er ist blass, kann sich nur noch schwer artikulieren. Sein Zittern ist nicht nur eine Folge der Kälte. Der Mann ist starker Alkoholiker und hat seit mehreren Stunden nichts mehr getrunken. Er ist auf Entzug, er braucht einen Schluck Alkohol, damit es ihm besser geht. Das ist eine absolute Ausnahmesituation. Wir sprechen mit dem Besitzer vom Dönerladen. Er ist erst verdutzt, nach Erläuterung der Situation aber verständnisvoll und schenkt dem Mann eine kleine Flasche Jägermeister. Der obdachlose Mann nimmt ein paar Schlucke. Zu zweit hieven wir ihn in den Bus. Er hört langsam auf zu zittern. Ein Gespräch ist wieder möglich. Er erzählt, wie sehr er sich über die Hilfsbereitschaft des Ladenbesitzers gefreut hat. Er fragt, wo es nun hingeht. Wir bringen ihn in die Notübernachtung. Zum Abschied sagt er: "Ich bin so froh, dass es euch gibt. Ohne euch wäre ich schon längst tot."

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