In einem modernen Londoner Büroklotz, einen Steinwurf von der Themse entfernt, sitzen Neil Tennant, 65, und Chris Lowe, 60, besser bekannt als Pet Shop Boys, in einem Konferenzraum, über dessen Namen "Sitar" sich die beiden Künstler königlich amüsieren. Die zwei sportlich gekleideten Briten produzieren seit bald vier Jahrzehnten elektronische Popmusik und feierten weltweit Erfolge mit Hits wie "West End Girls", "Go West" oder "What Have I Done To Deserve This?" – dank ihrer Verkaufszahlen gelten sie als das erfolgreichste Duo der britischen Popgeschichte. Diese Woche erscheint ihr neues Album "Hotspot", für das Frühjahr ist eine "Greatest Hits"-Tournee geplant.

DIE ZEIT: Auf einer Liste Ihrer liebsten Songs des vergangenen Jahres findet sich die Udo-Jürgens-Ballade Was wichtig ist. Ein Druckfehler?

Chris Lowe: Nein! Ich liebe das Lied!

Neil Tennant: Ich auch!

Lowe: Wir waren vor einiger Zeit in einer Berliner Bar, wo eine Frau – oder doch ein Mann? Egal, ein Darsteller – diesen atemberaubenden Song sang. Ich war so begeistert, dass ich den DJ fragte, was das denn bitte für ein Lied gewesen sei. Es wäre reizvoll, von Was wichtig ist eine Pet-Shop-Boys-Version einzuspielen. Weil: Wir lieben Schlager! Das ist Wohlfühlmusik, die ziemlich gut funktioniert. Allerdings blicken wir Briten natürlich als Außenseiter auf diese Musik, für viele Deutsche sind Schlager ja ziemlich exotisch. Wir haben keinen Schimmer, was die da eigentlich singen. Wenn wir in Berlin sind, besuchen wir gerne mal (auf Deutsch) "gemütliche" Bars, also Läden, in denen Schlager laufen. Ich kenne mich bei Schlagern nicht gut aus, aber neulich lief im Fernsehen ein Werbeclip für eine Band namens Die Flippers, der fantastisch war.

ZEIT: Mögen Sie Helene Fischer?

Tennant: Ich kenne nur ihren Namen, aber nicht ihre Musik.

ZEIT: Ihr neues Werk haben Sie vorab als Ihr "Berlin-Album" angekündigt. Sogar ein deutscher Name war dafür angeblich geplant. Nun heißt das Werk Hotspot: Was wäre denn die angedachte deutsche Alternative gewesen?

Tennant: Weit sind wir mit deutschen Namen nicht gekommen. Der eine Name, den wir wirklich mochten, wäre "Von Pet Shop Boys" gewesen. Wir fragten dann zwei deutsche Freunde, die uns davon abgeraten haben. Und auch wir fanden dann doch, dass er eine Spur zu irre schien.

ZEIT: Sie verbringen beide seit Jahren viel Zeit in Berlin. Was ist für Sie so aufregend an dieser Stadt?

Tennant: Berlin bietet viel Stoff für Faszination: die Mauer, David Bowie oder Christopher Isherwoods Buch Goodbye to Berlin. Wir sind 1987 zum ersten Mal nach Berlin gekommen, als unsere damalige Plattenfirma uns zu einem David-Bowie-Konzert am Reichstag eingeladen hatte. Wir haben einen Ausflug nach Ost-Berlin gemacht, sind mit der U-Bahn zum Alexanderplatz gefahren, haben ostdeutsche Punks gesehen und irgendwo ein Bier getrunken. Ich erinnere mich daran, dass alles so still war. Dann kamen wir später auf einer Tournee wieder nach Berlin, und ein Freund hatte sich gerade eine große Wohnung in Schöneberg gekauft, die nicht viel gekostet hatte. Als wir das erfuhren, dachten wir beide sofort ...

Lowe: ... wir wollen auch so eine!

Tennant: Als wir uns kurz darauf eine ähnliche Wohnung kauften, zahlten wir bereits dreimal so viel wie unser Freund. Es war trotzdem eine gute Investition, denn wir nutzen die Wohnung intensiv und haben uns da ein kleines Studio eingerichtet. Ich habe in England ein Haus auf dem Land, in dem wir bis dahin unsere Musik geschrieben hatten, aber seitdem wir die Wohnung haben, tun wir das in Berlin. Es ist wohltuend, London einfach mal hinter sich zu lassen. Irgendwer hat mal gesagt, dass ein Engländer sich erst wirklich frei fühlt, wenn er nicht in England ist. Und da ist was dran. Das Leben in Berlin ist so viel langsamer als das in London.

ZEIT: Ist Ihnen die AfD ein Begriff?

Tennant: Selbstverständlich. Wenn mich Freunde aus England in Berlin besuchen und wir auf dieses Thema kommen, weisen sie immer wieder darauf hin, dass es eine Partei wie die AfD in der englischen Politik nicht gibt. In England gilt Nigel Farage als rechts, aber er ist längst nicht so rechts wie die AfD und sitzt ja nicht einmal im Parlament. Auch unsere deutschen Freunde beobachten den Aufstieg der AfD mit Sorge. Es gibt hier sogar Leute, die Adolf Hitlers Geburtstag auf dem Nummernschild ihres Autos haben. Dieser Realität müssen wir uns stellen.

ZEIT: Eines Ihrer neuen Lieder heißt Wedding in Berlin. Worum geht es da?

Tennant: Sie suchen den Subtext, oder? Den gibt es aber nicht. Das ist einfach ein Song, den wir tatsächlich für die Hochzeit eines Berliner Freundes als Hochzeitsgeschenk produziert hatten und ihm als Unikat auf CD überreichten. Sie spielten es dann auf der Party nach der Trauung, und die Gäste flippten aus und sangen spontan mit: "We’re getting married! We’re getting married!" Einer der Gäste war unser Produzent Stuart Price, der den Song auch sehr mochte. Also nutzen wir den Song letztlich auch für uns.

ZEIT: Angeblich besuchen Sie regelmäßig den Berliner Techno-Club Berghain. Tanzen Sie da etwa?

Tennant: Ich tanze eher nicht.

Lowe: So oft sind wir da auch gar nicht. Und wenn wir uns mal dorthin aufmachen, gehen wir sonntagnachmittags in die Panorama-Bar, um dort mit Freunden wie dem Fotografen Wolfgang Tillmans, dessen tolle Bilder da an der Wand hängen, ein paar Drinks vor dem Abendessen zu nehmen.

Tennant: Prosecco!

ZEIT: Sie sind beide über sechzig. Wie hat sich Ihr Ausgehen mit den Jahren geändert?

Tennant: Es reicht mir, anderen zuzuschauen, wie sie durchdrehen. Und eigentlich gehe ich auch kaum noch in Clubs. Nach Jahrzehnten im Nachtleben lässt die Energie einfach nach. Außerdem hat sich die Clubkultur verändert, und nicht zum Guten. Handys haben alles ruiniert.