Es ist an der Zeit, dass die sexualisierte Gewalt gegen Frauen in der Kirche zur Sprache kommt. So wie vor zehn Jahren der richtige Zeitpunkt war, über Gewalt gegen Kinder in der Kirche zu sprechen. "Das Schweigen muss gebrochen werden", schrieb im Januar 2010 der Jesuitenpater und damalige Leiter des Berliner Canisiuskollegs Klaus Mertes in einem Brief an mehrere ehemalige Schüler, die Missbrauch an seiner Schule erlebt hatten. Der Brief steht am Anfang der Aufarbeitung des tausendfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Kleriker in Deutschland. Als Mertes den Brief schrieb, ahnte er nicht, wie verbreitet Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche war und wie viele Betroffene sich deutschlandweit zu Wort melden würden. Aber er wusste, was er in diesem Moment tun musste, und bewies so größeres Vertrauen in Gott und Kirche als jene, die den Missbrauch jahrzehntelang vertuscht hatten und Opfer nicht anhören wollten.

Nun, im Januar 2020, habe ich das Gefühl, dass wir an einem ähnlichen Punkt stehen, was den Umgang mit der sexualisierten Gewalt gegen Frauen in der Kirche angeht. In diesem Monat habe ich mehr Mails von Betroffenen im Postfach gehabt als je zuvor. Beinahe jeden Tag telefoniere ich mit Frauen, die sich Gehör verschaffen möchten. Oft wurden sie von der Kirche jahrzehntelang nicht ernst genommen. Das scheint sich zu ändern. Mehrere Betroffene erzählen, dass sie in der Ordensobernkonferenz neuerdings nicht nur angehört, sondern unterstützt werden. Eine Frau etwa erreichte, dass der Ordensmann, der sie missbrauchte, deutschlandweit aus allen Exerzitienhäusern ausgeladen wird. Anscheinend haben einige Verantwortliche begriffen, dass man die Kirche vor den Tätern beschützen muss, nicht vor den Opfern.

Aus meinen Gesprächen weiß ich: Es gibt drei Gruppen von Betroffenen. Da sind die Frauen, die wie ich in jungen Jahren ins Kloster gingen und dort sexuelle Übergriffe erlebt haben. In den meisten Fällen durch einen Beichtvater oder geistlichen Begleiter, manchmal auch durch die Oberin oder Novizenmeisterin, die es sich zunutze machen, dass das gesamte Leben dieser Frauen vom Orden geprägt und bestimmt ist. Täter, die im Orden in aller Regel einflussreiche Positionen innehaben, haben leichtes Spiel. Daher haben es betroffene Ordensfrauen besonders schwer, sich zu wehren und Gehör zu finden. Meistens können sie erst über ihre Erfahrungen sprechen, wenn sie aus dem Orden ausgetreten sind.

Dann gibt es Frauen, die sich einem Seelsorger anvertrauen und von diesem zu sexuellen Handlungen gedrängt werden. Diese Übergriffe sind besonders perfide, weil sie in einem seelsorglichen Setting stattfinden, in dem die Frau vertrauensvoll ihr Innenleben öffnet. Diese Öffnung nutzen Täter aus. Sie lassen ihr Opfer glauben, körperliche Nähe wäre ein normaler Teil der seelsorglichen Beziehung, um dann Stück für Stück Grenzen zu verschieben, bis immer eindeutiger sexuelle Handlungen vollzogen werden.

Schließlich gibt es das Ausnutzen von Amtsmacht. Betroffen davon sind vor allem Frauen, die einen Priester als Vorgesetzten haben und von diesem zu sexuellen Handlungen gedrängt werden, von der gerade erst 18-jährigen Oberministrantin, mit der ein Pfarrer regelmäßig Sex hat, bis zur Haushälterin, die der Pfarrer, immer wenn er alkoholisiert ist, begrapscht.

Alle betroffenen Frauen wollen im Grunde dasselbe: dass ihnen jemand von offizieller Seite sagt, dass diese Übergriffe nicht hätten geschehen dürfen und künftig entschieden verhindert werden. Entschädigungsforderungen kommen den Betroffenen dagegen praktisch nie in den Sinn. Auch dann nicht, wenn sie jahrzehntelang unter den Folgen der Übergriffe gelitten haben und deswegen keiner geregelten Erwerbstätigkeit nachgehen konnten, ihre Ehen in die Brüche gingen oder sie psychisch krank sind. Auch das ist eine Folge der erlittenen Gewalt: Betroffene Frauen haben verinnerlicht, dass sie nicht zählen, dass es ihnen nicht zusteht, etwas für sich zu fordern. Umso dringlicher ist es, dass sie ausdrücklich dazu ermutigt werden.

"Sie müssen nicht dankbar sein", sage ich einer Frau am Telefon, "wenn Ihnen jemand in der Kirche zuhört. Sie haben ein Recht darauf." Viele der betroffenen Frauen sind untereinander in Kontakt. Manche möchten sich vernetzen und gemeinsam aktiv werden. Es scheint etwas in der Luft zu liegen. Vielleicht werden die Zwanzigerjahre das Jahrzehnt der Frauen in der Kirche sein, das Jahrzehnt, in dem endlich ans Tageslicht kommt, welchen Übergriffen Frauen in ihr oft ausgesetzt waren und sind.

Lange Zeit sah es nicht danach aus. Die Marginalisierung von Frauen in der Kirche ist kein Versehen, sondern gewollt. Natürlich gibt es Übergriffe gegen Frauen auch in evangelischen und reformierten Kirchen. In der römisch-katholischen und auch orthodoxen Kirche ist die Situation aber noch einmal eine andere. Hier wird Frauen der Zugang zu hochrangigen Ämtern explizit wegen ihrer Weiblichkeit verwehrt. Dafür übernehmen Frauen dort so gut wie alle schlecht bis gar nicht bezahlten Dienstleistungen und sozialen Aufgaben. Besonders drastisch kommt das ungleiche Geschlechterverhältnis zwischen Pfarrhaushälterinnen und Pfarrern zum Tragen. Erstere arbeiten nicht selten zum kargen Hungerlohn und steuern zielsicher auf die Altersarmut zu, während die Priester, denen sie dienen, sich um Geld gar keine Sorgen machen müssen. Es kann niemanden ernsthaft überraschen, dass dort, wo ein derart markantes Machtungleichgewicht herrscht, auch andere Formen von Gewalt nicht fern sind. Ohne eine vollständige Gleichberechtigung von Frauen in den Kirchen wird es kein Ende der Gewalt gegen Frauen geben. Dass neben Maria 2.0 mittlerweile auch die großen katholischen Frauenverbände ausdrücklich die volle Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche fordern, inklusive Zugang zu allen Ämtern, ist auch deswegen äußerst erfreulich.