Hi, mein Leben als Frau ist begehrt, gehasst und ein Tipptopp-Exponat. Von nun an werde ich (1,71 m, Autorin, Augen, Nase, weiß, gebärfähig, mittleres Einkommen, ordentliche Zahnstellung) Sie also exklusiv durch diese Kolumne und mein Frauenleben führen, das ich mit einer Wahnsinnspower kuratiere (folgt mir auf Insta!). In meinem Leben als Frau spielt mein Therapeut Wolfgang G., dieser Hund, ebenfalls eine tragende Rolle, denn tatsächlich verbringe ich einen Großteil meiner Lebenszeit auf seiner abgewetzten Corbusier-Couch und rede, wie sich das für einen echten Millennial gehört, von mir und ausschließlich mir. Ich versuche so herauszufinden, was das Problem ist, ob er (Boomer, bisschen größer als ich, Augen, Nase, weiß, Boss-Sakko) die Antwort darauf kennt, und wenn ja, woher er das Selbstvertrauen nimmt, das bis heute zu glauben. Verstehen Sie mich nicht falsch, Wolfgang ist schlau, aber er hat halt einfach nie einem Haushalt vorstehen oder sich in der U-Bahn begrapschen lassen müssen und so echte Demut gelernt.

Ich bin ebenfalls schlau, aber leider auch völlig süchtig nach Wolfgang und seiner Couch (nicht so schlau), was zum einen daran liegt, dass ich mit ihm all die Probleme ausagieren kann, die ich mit den noch übrig gebliebenen alten weißen Männern nicht besprechen kann, weil sie meine Vorgesetzten sind. Zweiter und etwas komplizierterer Grund: Sämtliche Vaterfiguren, die ich in meinem Leben installiert habe, haben entweder Herzinfarkte erlitten oder nichts mehr zu sagen, weswegen mir nun einfach jemand fehlt, von dem ich mich bereitwillig zurechtweisen lasse. Und jetzt erklären Sie mir mal, wie ich diesen stockholmsyndromhaften Psycho-Twist meiner feministischen und turbolinken Twitter-Bubble erklären soll, die neben Wolfgang die zweite wesentliche Instanz in meinem Frauenleben darstellt.

An dieser Stelle kurzer Disclaimer: Ich lege großen Wert auf die Trennung von Werk und Autorin, denn ich komme von Beyoncé. Mit der ernsthaften Autorin, die sich das hier ausdenkt, will ich nichts zu tun haben: Erstens arbeite ich für das Feuilleton und habe ein wenig Germanistik studiert, zweitens will ich keinen Ärger mit meiner Familie/Twitter-Bubble, und drittens stimmt immer alles, was ich sage. Ich spreche gewissermaßen unbequeme Wahrheiten aus, was ja gerade eine Art Sport ist, aber da die Meinungsfreiheit längst abgeschafft wurde und ich völlig unsportlich bin, berufe ich mich auf die Kunstfreiheit. Damit sind alle, die nicht das Elternhaus hatten, das ihnen eine Autorenlaufbahn ermöglicht, natürlich bisschen aufgeschmissen, aber dafür kann wenigstens ich meine Privilegien checken und über meine Nazivorfahren schreiben, ohne enterbt zu werden.

Zurück zu Wolfgang: Als ich das erste Mal vor ihm saß und ihn schwer atmen hörte (er ist etwas füllig), nervte mich sofort, dass er so schwer atmete und so füllig war und es somit gleich um ihn ging. Ich schlug die Beine übereinander, faltete die Hände über den Knien und sagte mit leiser Stimme, Herr G., ich will offen zu Ihnen sein: Mein Leben als Frau ist wirklich kein Spaß. Nicht zu fassen, aber er lachte und sagte, aber die Fünfzigerjahre sind doch vorbei und dass die Brigitte sich dieses Wording verbitten würde. Alles klar, Herr G., dann erklären Sie mir doch mal, wie ich es vor mir rechtfertigen kann, dass ich eine Putzkraft mit Migrationshintergrund beschäftige und sie fast immer bessere Laune hat als ich? Was sagt es über den Zustand meiner Ehe aus, dass es meinem Mann egal ist, wenn ich wegen meiner Sirtfood-Diät furze, und ich ihn sogar in Verdacht habe, sich darüber zu freuen, weil er sich dann für fortschrittlich hält? Warum führe ich überhaupt eine Ehe, und wie erkläre ich das meiner inneren Margarete Stokowski, vor der ich außerdem geheim halte, dass ich am liebsten mich selbst fördere und mentalitätsmäßig tatsächlich ein alter weißer Mann bin, der weder von seinem Alter noch seinem Deutschsein etwas hören will?

Wolfgang schwieg eine Weile, dann nickte er und zog eine unterschriebene Erklärung aus der Brusttasche seines Sakkos, auf der stand, dass er Feminist sei. Alles kein Problem, Bunny, sagte er, bis zum nächsten Mal. Also bleiben Sie dran.