Halík, geboren 1948 in Prag, gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen Tschechiens. © webové stránky pamětníka

Es ist der Moment, auf den Tomáš Halík gewartet hat: Das Evangelium ist gelesen, jetzt schreitet er zum Mikrofon, angetan mit einem prächtigen Messgewand, das Haar schütter, der Vollbart ergraut, und stürzt sich in die Predigt, als habe er den ganzen bisherigen Gottesdienst über nur auf diesen Moment gewartet. Es ist eine imposante Kulisse, auf die er blickt von seinem Platz am Altar aus: Die Salvatorkirche mitten im Prager Zentrum ist voll, keiner der mehr als 200 Sitzplätze ist frei, und wenn verspätete Besucher die Türe öffnen, kann Tomáš Halík von vorne aus einmal durch die ganze Kirche hindurch kurz hinausschauen auf die Karlsbrücke.

Für diese Predigt sind sie gekommen, die Zuhörer, so wie fast jeden Sonntag. Stets um 20 Uhr ist Halík-Zeit in Prag, die meisten der Gottesdienstbesucher hier in der akademischen Pfarrgemeinde sind Studenten, viele sind aber auch älter. Tomáš Halík, 71 Jahre alt, steht vorn am Ambo, die linke Hand aufgestützt, mit der rechten gestikulierend, und spannt seinen Gedankenbogen auf. Fast immer landet er vom Thema des Evangeliums in der aktuellen Politik, meistens geht er hart ins Gericht mit der Politik, manchmal auch mit der Gesellschaft. Halík ist ein Mahner gegen populistische Regierungen, ein Mahner für den Reformkurs der katholischen Kirche.

Er ist ein wortgewaltiger Prediger, und was er in den Gottesdiensten sagt, können seine Anhänger später im Internet noch einmal in Ruhe nachhören. Dass seine Predigten im Internet dokumentiert sind, unterstreicht das Selbstverständnis von Tomáš Halík – er will als katholischer Pfarrer nicht nur für die Gottesdienstbesucher predigen, so wie er in seinem Hauptberuf als Professor nicht nur seine Studenten als Zuhörer haben möchte, die bei ihm an der Karls-Universität die Seminare besuchen. Nein, er will weitere Kreise ziehen, er will die ganze Gesellschaft erreichen, so wie er es schon zu kommunistischen Zeiten als Dissident und als Weggefährte des ersten demokratischen Präsidenten Václav Havel getan hat.

In Deutschland ist Tomáš Halík vor allem als Autor bekannt: Seine populärwissenschaftlich-theologischen Bücher verkaufen sich blendend; sein Werk Geduld mit Gott wurde von der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie sogar als bestes theologisches Buch in Europa ausgezeichnet. In Tschechien aber ist Halík mehr als ein Autor; er ist eine öffentliche Figur – und das, obwohl die Kirche im Land einen denkbar schlechten Stand hat mit gerade einmal rund elf Prozent der Einwohner, die sich bei der letzten Volkszählung zu einer Religionsgemeinschaft bekannt haben.

Es gibt fast keinen Tschechen, den Halík kaltlässt: Die einen verehren ihn, weil er ohne Scheu redet, weil er sich mit allen anlegt, wenn es sein muss – mit den führenden Politikern und gern auch mit seinem Vorgesetzten, dem Prager Erzbischof Dominik Kardinal Duka. Und die anderen verziehen das Gesicht, wenn er wieder mal Position bezieht, weil er ihnen zu moralisch ist, zu gutmenschlerisch, zu wenig kompromissbereit.

Neulich zum Beispiel, ein paar Wochen liegt es inzwischen zurück: In Krakau wurde er mit der Sankt-Georgs-Medaille ausgezeichnet – einem Preis "für den Kampf gegen das Böse". In seiner Dankesrede Ende November teilte Tomáš Halík erwartungsgemäß aus, nicht zuletzt gegen die Kirche: "Wir Christen müssen uns ernsthaft fragen, ob wir gegen den Drachen des Bösen mit ausreichender Tapferkeit und Klugheit kämpfen", sagte er vom Rednerpult aus: "In unserem katholischen Erbe ist nämlich etwas, was dem gefährlichen Bösen Lebenskraft gibt; etwas, was es Populisten und Nationalisten ermöglicht, christliche Symbole zu missbrauchen." Es sind Sätze, die man erst einmal sacken lassen muss, um ihre ganze Durchschlagskraft zu verstehen. Im Folgenden holt Tomáš Halík aus gegen einen "Katholizismus ohne Christentum" – gegen ein "System des autoritativen, erstarrten Denkens und Handelns".

Dass er mit seinen Worten gerade in Mitteleuropa aneckt, liegt auf der Hand: Ausgerechnet in Polen, wo er diese Rede hielt, sei die Kirche eng mit den weltlichen Machthabern verbandelt, sie rede Populisten vom Schlage Jarosław Kaczyńskis das Wort, so kritisiert es Tomáš Halík. Er nennt diese Umarmung spöttisch "eingetragene Partnerschaft von Kirche und Politik".

Zurück in Prag, zurück in den Gassen der Altstadt. Nur ein paar Häuserblocks entfernt von der Salvatorkirche wohnt Tomáš Halík, eine Altbauwohnung im ersten Stock ist es, die nur über eine offene Treppe im Innenhof zu erreichen ist. Im schmalen Flur gleich hinter der Eingangstür hängt ein Foto von Halík und Havel, daneben Fotos seiner Eltern. Die Räume dahinter sind allesamt bis zur Decke von Bücherregalen gesäumt, dazwischen hängen Bilder berühmter tschechischer Maler – aus der Sammlung seines Vaters, wie Halík sagt.