Das Jahr 2020 begann in Dresden mit schweren Attacken, verschickt über den Presseverteiler der sächsischen AfD-Fraktion: Es habe einen unhaltbaren "Angriff auf die Meinungsfreiheit" gegeben. Der Schriftsteller Uwe Tellkamp nämlich dürfe in seiner eigenen Stadt nicht mehr aus seinem neuen Buch lesen. Schon der zweite Veranstaltungsort nacheinander habe, infolge öffentlichen Drucks, eine Tellkamp-Veranstaltung abgesagt. Von einem "Auftrittsverbot" für den Autor schrieb die AfD, von "Ausgrenzung", ja gar von "Zensur". Der Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer griff das Thema auf. "Wie rechts darf man als Schriftsteller sein?", titelte er und schob die Frage nach, warum das Feuilleton so "allergisch" auf den politischen Autor Tellkamp reagiere.

Stimmt das denn wirklich? Darf Uwe Tellkamp, der Dresdner Star-Autor, der sich vor zwei Jahren über einen "Gesinnungskorridor" in der öffentlichen Debatte beschwerte, in Dresden nicht mehr lesen?

Anruf bei Ines Eschler, Vorstandsmitglied des Fördervereins Lingnerschloss. Tatsächlich, sagt sie, hätte es eine Veranstaltung mit Tellkamp geben sollen, am 9. Januar im Lingnerschloss. Die wurde ersatzlos gestrichen.

Jedoch, sagt Eschler: "Es geht hier doch nicht um Uwe Tellkamp!" Der Autor sei in der Vergangenheit schon häufiger im Lingnerschloss aufgetreten. "Wir haben kein Problem mit ihm, ganz und gar nicht. Wir wussten nur nicht, wer in diesem Fall hinter der Veranstaltung steckte – erst als wir das herausbekommen haben, haben wir die Lesung abgesagt."

Der Mann, der hinter der Veranstaltung steckte, ist Frank Böckelmann. Böckelmann, 78, ist Herausgeber der als "neurechts" geltenden Zeitschrift Tumult. Er bezeichnet sich selbst als "neoreaktionär". Wenn er sich beschreibt, sagt er: "In 50 bis 100 Jahren besteht die Gefahr einer Islamisierung Deutschlands. Ich möchte Widerstand dagegen leisten, dass sich Traditionen vermischen und keine Unterschiede mehr erkennbar sind."

Böckelmann sagt, er habe eine monatliche Veranstaltungsreihe mit Autoren seiner Zeitschrift geplant. Das Lingnerschloss sei noch nicht einmal seine erste Wahl gewesen: "Ich hatte mich ursprünglich bereits mit dem Pianosalon geeinigt", sagt Böckelmann, einem Veranstaltungsort in der Nähe der Frauenkirche. "Dann aber kam der 22. November."

An jenem Abend fand im Pianosalon eine Podiumsdiskussion mit Götz Kubitschek statt, einem Vordenker der Neuen Rechten. Bert Kirsten, Geschäftsführer des Pianosalons, erzählt: "Danach gab es Boykott-Aufrufe gegen uns, und meine Mitarbeiter wurden angefeindet." Auf Bitten seiner Angestellten habe er sich dazu entschlossen, vorerst keine politischen Veranstaltungen mehr in seinen Räumen stattfinden zu lassen – also sagte er auch Böckelmann ab. Der meint: "Dafür hatte ich völliges Verständnis. Die Existenzangst von Herrn Kirsten war begründet. Er konnte gar nicht anders."

Kurz vor Weihnachten fragte Böckelmann beim Lingnerschloss an. Mit einem Mitarbeiter einigte er sich mündlich auf sechs Daten für seine Veranstaltungsreihe, später schickte der Mitarbeiter noch eine E-Mail, in der er Böckelmann die Reservierung der Termine bestätigte. Den Vertrag, schrieb der Mitarbeiter, werde er im neuen Jahr verschicken.

Böckelmann druckte Flyer für die erste seiner sechs Veranstaltungen, der Gast: Uwe Tellkamp. Auch im Internet wurde geworben. Zwischen den Jahren meldeten sich Interessierte beim Lingnerschloss, um Karten zu bestellen. "Das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal von der Lesung erfahren habe", sagt Vorstandsmitglied Ines Eschler. "Da habe ich mich gefragt, wer hinter der Veranstaltung steckt, und bin auf die Webseite von Tumult gegangen." Sie habe sich durch einige Hefte geklickt.

Die Texte, die sie dort las, geschrieben von Böckelmann und seinen Kollegen, hält Eschler für "hochgeschraubt rechtspopulistisch". Sie habe sich mit ihren beiden Vorstandskollegen beraten, und gemeinsam habe man entschieden: Die Zeitschrift darf keine Veranstaltungen im Lingnerschloss abhalten. Frank Böckelmann bekam also keinen Vertrag per Post, sondern eine Absage per E-Mail.

Er, Böckelmann, sieht darin ein "Indiz, dass Veranstalter einknicken, wenn sie das Risiko sehen, angefeindet zu werden. Dass sie bei allen Namen, die mit ›rechts‹ oder ›neurechts‹ etikettiert worden sind, Angst bekommen." Ines Eschler entgegnet: "Die Veranstaltung hätte dem Neutralitätsgebot widersprochen, das wir uns als Förderverein auferlegt haben. Wir wollen und können Tumult keine Plattform bieten." Anfeindungen habe es erst nach der Absage gegeben. Von rechts.

Auf einer Plattform namens Publico kommentierte Uwe Tellkamp die Absage so: "Es gibt keine Gesinnungskorridore. Nur enge Wände."

Ines Eschler sagt, sie werde ihn einladen, im Lingnerschloss zu lesen – solange ihr Förderverein als Veranstalter auftreten könne und nicht die Zeitschrift Tumult.

Und Böckelmann sagt, er sei optimistisch, dass er einen anderen Veranstaltungsort für sich und Tellkampf finde. Er habe da noch einige Eisen im Feuer.