Es ist leider so: Diese Geschichte ist voller Klischees. Es fängt ja schon an bei dem Ort, in dem sie spielt. Geiselhöring, Labertal, Niederbayern. 7.000 Einwohner und doppelt so viele Schweine. Natürlich wahnsinnig schön dort. Es gibt ein ganz arg hübsches Rathaus aus dem Jahr 1525, mit Stufengiebel und Türmchen. Es gibt auch eine stucküberfrachtete barocke Pfarrkirche, die in Niederbayern ihresgleichen sucht. Und alle sieben Jahre führen zwei Dutzend unverheiratete, bartlose Turner an Fasching den Schäfflertanz auf, eine jahrhundertealte Tradition aus der Zunft der Fassmacher. Postkartenbayern.

Vor bald sechs Jahren, am 16. März 2014, sind die Bürger von Geiselhöring aufgerufen, im Rahmen der Kommunalwahl einen neuen Bürgermeister zu wählen und dazu noch die 20 Mitglieder des Stadtrats sowie Vertreter für den Kreistag des Landkreises Straubing-Bogen. So weit, so normal. Bloß sollte nach dieser Wahl in Geiselhöring rein gar nichts mehr normal sein.

Nicht für den damals amtierenden Bürgermeister, den Krempl Bernhard – in Bayern macht man das gerne: erst Nachname, dann Vorname. Also der Krempl Bernhard, der schon sechs Jahre im Amt gewesen war und als Kandidat der Freien Wähler quasi ein Abo auf diesen Posten hatte. Die Freien Wähler hatten ja schon den Bürgermeister gestellt, als der Bernhard noch gar nicht auf der Welt war.

Nichts war mehr wie vorher – das galt auch für den Lichtinger Herbert, der es an diesem Tag im März 2014 tatsächlich schaffen sollte, die Phalanx der Freien Wähler zu durchbrechen und als erster CSU-Bürgermeister Geiselhörings in die Geschichte einzugehen. Zumindest für ein paar Monate. Und ganz sicher traf das für den Spargelbauern Karl B. zu und dessen Frau Rosi, die bei dieser Wahl auch angetreten war und mit einem sehr guten Ergebnis sowohl in den Stadtrat als auch in den Kreistag gewählt wurde. Denn dieser Karl B., heute 58 Jahre alt, muss sich ab kommender Woche vor dem Landgericht Regensburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Wahl in Geiselhöring manipuliert zu haben. Weil er Angeklagter ist, möchte er seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Auf den ersten Blick liegt der Fall klar: Da ist ein reicher Großbauer, der meint, die Stadt gehöre ihm. Und wenn der Karl sich was in den Kopf gesetzt hat, dann bekommt er es auch. Bloß gut, dass ihn endlich mal einer zur Rechenschaft zieht! Ist es wirklich so einfach?

Das hübsche Rathaus, die Schäfflertänzer, der Krempl Bernhard, der Lichtinger Herbert, das Spargelbauern-Ehepaar: Das ist die Welt, in der Deutschlands größter Wahlfälschungsskandal spielt. So nennen sie das hier ernsthaft. So ist das, wenn man sich selbst gerne am wichtigsten nimmt. Wer das alles verstehen will, kommt nicht drum herum, etwas genauer hinzuschauen.

Gehen wir also zurück ins Jahr 2014. Die Wahl ist kaum vorbei, da erhält die Staatsanwaltschaft Regensburg eine anonyme Anzeige – "wegen Verdachts auf Wahlbetrug bei der Kommunalwahl in Geiselhöring". Der Anzeigenerstatter berichtet auf eineinhalb Seiten vom Spargelhof des Karl B. und von den Hunderten rumänischen Saisonarbeitern, die für ihn auf die Felder gehen. Man muss wissen: 2014 waren in Bayern bei Kommunalwahlen EU-Bürger wahlberechtigt, die ihren Lebensmittelpunkt in der jeweiligen Kommune hatten – im Fall Geiselhöring fast 500 Rumänen.

Für diese Saisonarbeiter seien, so das Schreiben weiter, Briefwahlunterlagen angefordert worden, und den Wahlhelfern sei bei der Auszählung aufgefallen, "dass eine große Anzahl der Wahlzettel (...) mit der gleichen Schreibmine und der gleichen Handschrift ausgefüllt waren". Vor allem aber seien "nur der CSU-Bürgermeister- und CSU-Stadtratskandidaten" angekreuzt gewesen. Sie alle hätten enorm von der Briefwahl profitiert. Und zwar neben dem neuen Bürgermeister vor allem die Ehefrau des Spargelbauern, eine seiner Angestellten sowie sein Cousin und der Lebensgefährte von B.s Tochter. Auffallend sei zudem, dass der Krempl Bernhard bis zur Auszählung der Briefwahlunterlagen vorne gelegen hatte, letztendlich dem CSU-Kontrahenten aber um 303 Stimmen unterlegen gewesen war. Hatte der findige Spargelbauer also seine rumänischen Feldarbeiter angewiesen, für seinen Clan zu stimmen, oder die Stimmzettel gleich selbst ausgefüllt? Das ist der Verdacht, der schon wenige Tage später so ähnlich vom Straubinger Tagblatt in die Welt gesetzt wird.