DIE ZEIT: Herr Schmelzing, der Rückgang der Zinsen verärgert viele Sparer. Sie argumentieren in einer neuen Studie, dass die Zinsen seit dem Mittelalter fallen. Wie findet man heraus, wie hoch im Mittelalter die Zinsen waren?

Paul Schmelzing: Durch Puzzlearbeit. Gerade für die Zeit vor dem 18. Jahrhundert muss man Aufzeichnungen auswerten. Fast alle größeren Städte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation verfügten etwa über Stadtregister, in denen über die Amtsgeschäfte Buch geführt wurde.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Schmelzing: Das sind chronologisch aufgebaute Übersichten. Da werden politische Verhandlungen und Kriege dokumentiert, aber eben auch Kredite. In den alten deutschen Reichsstädten wie Speyer, Worms oder Mainz reichen diese Register zum Teil bis ins 9. Jahrhundert zurück.

ZEIT: Da sind Sie hingefahren und haben sich das angeschaut?

Schmelzing: In vielen Archiven war ich persönlich, teilweise findet man die gedruckten Register auch in Universitätsbibliotheken oder im Netz. Die Angaben aus den Städten habe ich kombiniert mit Informationen zu den Krediten der Könige und Fürsten, die sich ab der frühen Neuzeit gern bei Kaufleuten oder Verbündeten Geld liehen. Daraus ist eine Datenreihe entstanden, die bis in das Jahr 1311 zurückreicht.

ZEIT: Wie sah so ein Kredit aus? Banken gab es in vielen Regionen noch nicht.

Schmelzing: Es gab häufig noch nicht einmal Papiergeld. Gold und Silber waren die Basis des internationalen Finanzsystems. Aber man hat Kreditverträge abgeschlossen, wie man es heute auch tut. Ein Beispiel: Der englische König Edward III. hat sich 1342 verpflichtet, dem Kaufmann Simon van Halen innerhalb von zwei Jahren 2.000 Goldgulden zurückzuzahlen. Als Sicherheit wurde ein Teil des Kronschatzes verpfändet.

ZEIT: Die Kirche hat im Mittelalter Zinsen verboten. Wie ist man damit umgegangen?

Schmelzing: Man hat sich daran in der Praxis oft einfach nicht gehalten. In manchen Gegenden wird der Zinssatz in den Kreditverträgen offen erwähnt, in anderen hat man ihn versteckt. Da wird dann zwar kein Zins erwähnt, aber eine Gebühr bei verspäteter Rückzahlung, was im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft. Man muss sich auch klarmachen, dass der Vatikanstaat einer der größten Akteure auf dem Kapitalmarkt der frühen Neuzeit war. Und die Päpste haben ganz ungeniert Zinsen verlangt und bezahlt.

ZEIT: Was ist das Ergebnis Ihrer Untersuchung?

Schmelzing: Im Schnitt geht der um die Inflation bereinigte langfristige Realzins seit dem späten Mittelalter jedes Jahr um etwa 0,006 bis 0,016 Prozentpunkte zurück. Es gibt aber immer wieder große Schwankungen.

ZEIT: Woher kommen die?

Schmelzing: Sie werden oft von geopolitischen Entwicklungen ausgelöst. Im 14. Jahrhundert fallen die Realzinsen innerhalb von zehn Jahren um fast sechs Prozentpunkte. Der Grund? Die Pest hat in manchen Gegenden Europas ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht. Der Kapitalstock – Häuser, Gold, Pfluggeschirr – blieb aber unverändert. Es gab gewissermaßen ein Überangebot an Kapital, was dazu geführt hat, dass der Preis des Kapitals, also der Zins, sinkt. Im 15. Jahrhundert hat die Kirche durchgesetzt, dass luxuriöse Kleidung und allzu ausschweifende Feste verboten werden. Dadurch geht die Sparquote nach oben, weil die Menschen auf einmal weniger Geld ausgeben – und der Zins fällt.

ZEIT: Heute sind die Notenbanken für die Geldversorgung zuständig. Hat das Einfluss auf die Zinsen?

Schmelzing: Das hatte ich eigentlich vermutet, aber meine Daten stützen diese These nicht. Das Zeitalter der Notenbanken beginnt im 17. Jahrhundert mit der Gründung der schwedischen Reichsbank und der Bank von England, seit den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sind die Währungen auch nicht mehr an Gold oder andere Edelmetalle gekoppelt. Es gibt aber keinen großen Sprung in der Zeitreihe – weder nach oben noch nach unten.