Als Anna Stünzi um 8.30 Uhr den Intercity in Lausanne besteigt, hat sie den wichtigsten Termin des Tages bereits hinter sich. Sie war Gast bei La matinale, der Morgensendung des welschen Radiosenders RTS 1. Obwohl sie um fünf Uhr aufgestanden ist, ist sie hellwach und erleichtert über den geglückten Auftritt. Am Abend zuvor hat sie, die neben Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch auch fließend Spanisch und ein wenig Arabisch spricht, ein paar Fachbegriffe auf einem Zettel notiert, damit ihr in der französischsprachigen Livesendung nicht die Worte fehlen, wenn sie über ihr neues Amt als Präsidentin des Forums Aussenpolitik (foraus) spricht und dem Moderator erklärt, was ihre Denkfabrik eigentlich tut: "Le but du foraus est d’ouvrir des débats constructifs."

Konstruktive Debatten anzetteln: Das ist die Idee von foraus, seit Nicola Forster, der Vorgänger von Stünzi, den Grassroot-Thinktank im Jahr 2009 gegründet und zu einem weitum akzeptierten Akteur im Schweizer Politikbetrieb gemacht hat. Heute werden die einstigen Jungspunde von Parteipräsidenten und frisch gewählten Bundesräten zu Vieraugengesprächen eingeladen und in ihre Beraterstäbe geholt. Ein Mittun bei foraus gilt inzwischen als Sprungbrett für eine diplomatische Karriere.

Ein normaler Thinktank ist foraus aber bis heute nicht. Bis auf die 16 Angestellten in den Büros in Genf und Zürich engagieren sich alle 120 Mitglieder ehrenamtlich; auch die Präsidentin. In lokalen Gruppen organisieren sie Veranstaltungen und schreiben wissenschaftlich fundierte Berichte zu außenpolitischen Themen. Manche Paper verschwinden ungelesen, andere werden breit diskutiert. Zum Beispiel die Idee eines Konkordanzartikels als Gegenvorschlag zur sogenannten Rasa-Initiative.

Die 29-jährige Anna Stünzi entspricht nicht ganz dem Bild der typischen foraus-Frau. Sie, die am Zürichsee in Küsnacht und Thalwil aufgewachsen ist, hat weder Jus oder Politik noch Internationale Beziehungen studiert, sondern Psychologie und Volkswirtschaft. Zurzeit doktoriert sie an der ETH Zürich im Bereich Klima- und Ressourcenökonomie und untersucht, wie öffentliche Umweltdebatten das konkrete Verhalten von Menschen und Firmen beeinflussen.

Daneben führt Stünzi zusammen mit ihrem Bruder, einem Architekten, eine kleine Beratungsfirma für erneuerbare Energien. Als Studentin gründete sie den Verein "Ich trage fair" und rief gemeinsam mit andern die Aktion "Gemeinsam Znacht" ins Leben, die Fremde und Einheimische bei einem gemeinsamen Abendessen zusammenbringt, und – sie war Co-Präsidentin der jungen Grünen des Kantons Zürich.

Wie passt dieses engagierte Leben zu einer Denkfabrik, die sich seit zehn Jahren stets zurückhält, wenn es darum geht, Politik im engen Sinn zu machen? Also Partei zu ergreifen, Parolen zu fassen, Kampagnen zu fahren. Ja oder Nein zu sagen.

Während der Intercity den nebelverhangenen Bielersee entlangkurvt, erzählt Stünzi, wie sie im Jahr 2011 "aus Gwunder" an einer Veranstaltung zur Ausschaffungsinitiative teilgenommen habe, die von foraus organisiert wurde. Wie sie sich gut mit den Organisatoren verstanden und bald angefangen habe, eigene Papers zu schreiben. Zuerst über Migrationsthemen, später über Umweltfragen. "Ich war eine der wenigen, die in einer Partei waren. Da hieß es auch mal: He, wir wollen keine grünen Spione!" Bis heute ist sie Mitglied der Grünen, aber ohne Amt. Die Frage, ob der Thinktank nun ökologischer werde, stellt sich für sie nicht: "Foraus arbeitet seit Jahren zu diesen Fragen: Was zum Beispiel der Finanzplatz tun muss, damit die Schweiz die Klimaziele von Paris erreichen kann." Außerdem sei sie keine Präsidentin, die ihren Leuten vorschreibe, was sie zu denken, worüber sie zu forschen hätten. Im Gegenteil: "Für mich müsste es möglich sein, dass wir an einem Tag zwei Berichte zum selben Thema publizieren, die zu diametral verschiedenen Ergebnissen kommen. Solange die Papers wissenschaftlich fundiert und klug argumentiert sind, müssen sie Platz bei uns haben."

Wie weit weg sie heute von ihren Parteikollegen ist, wird klar, wenn sie über die Erfolge der Grünen bei den vergangenen Wahlen spricht und dabei die dritte Person wählt: "Ich freue mich sehr für sie."