Gewalt und Scham spielen in Christian Barons autobiografischem Roman Ein Mann seiner Klasse eine wichtige Rolle. Die Scham über die erfahrene Gewalt demütigt mehr als diese selbst. Letztere kann man in sich reinfressen und wegdrücken, die Scham aber bringt die Außenwelt ins Spiel: dass man in den Augen der anderen als asozial gilt.

Gewalt ist in Barons Herkunftswelt etwas, das jederzeit ausbrechen kann, wenn der Vater besoffen nach Hause torkelt – sie gleicht einem Gewitter, bei dem man auch nicht nach den Gründen fragt, sondern es abregnen lässt. Am schlimmsten ist es, wenn die Kinder schon im Bett liegen, aber hören müssen, wie der Kopf ihrer Mutter gegen die Wand knallt. Dann vergräbt der kleine Christian seinen Kopf unterm Kissen, um möglichst wenig mitzubekommen. Wie der Nachbar von oben drüber, der sich immer, wenn er im Treppenhaus an der Wohnung von Christians Eltern vorbeigeht, einen Walkman aufsetzt.

Einmal holt Onkel Ralf Christian und seinen Bruder Benny mit dem Auto, einem Ford Taunus, ab, es soll eine Überraschungstour zum Holiday Park werden. Alle sind in Hochstimmung. Onkel Ralf hat seine Lieblings-CD mit dem Titel Gröööhl! eingelegt, raucht und singt bei geöffneten Fenstern alle Sauflieder mit. Es herrscht Hochstimmung, auch die Kinder strecken die Köpfe durch die Fenster in den Fahrtwind. Der Ausflug mit dem Onkel ist Urlaub von der Gewalt zu Hause. Doch wenn sie an den Ampeln stoppen, versinkt Christian im Sitz, er möchte nicht von einer Lehrerin, die zufällig des Weges kommen könnte, gesehen werden.

Als sie vor einer Ampel stehen, hält neben ihnen ein Geländewagen. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und brüllt mit finsterer Miene rüber: "Was bist du denn fürn Depp?"

Onkel Ralf: "Hast du ein Problem?"

Der Geländewagenfahrer: "Dir sollte mal jemand eine aufs Maul hauen!"

Die Männer steigen aus. Der Typ ist ein Hüne. Als er sieht, wie klein Ralf ist, ist er fast ein bisschen irritiert: Wie soll denn daraus eine vernünftige Schlägerei werden?! "Hat Kinder im Auto und raucht", sagt er schließlich: "Was fürn Assi."

Um dieses Buch haben sich die Verlage schon gerissen, da existierte es nur als Exposé. Sein Autor, Redakteur beim Freitag, hat seine eigene Geschichte aufgeschrieben. Er trifft damit einen Nerv der Zeit, denn unsere Gegenwart plagt das schlechte Gewissen, sich nur für die bürgerliche Mittelschicht zu interessieren und darüber die Lebenswirklichkeit anderer Milieus (in denen möglicherweise das viel "echtere" Leben spielt) nicht in den Blick zu bekommen.

Es gibt (mindestens) drei Gründe für dieses schlechte Gewissen:

Erstens neigt das gesellschaftliche Establishment dazu, sich selbst zu reproduzieren. Vor sechs Jahren schrieb an dieser Stelle Florian Kessler über die Literaturinstitute in Hildesheim und Leipzig eine treffliche Polemik mit dem ironischen Titel "Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!". Seine Kritik: Wenn man sich die Studenten und späteren Dozenten in Hildesheim anschaue, sei erkennbar, dass sich nur die Kinder aus dem gehobenen Bildungsbürgertum durchsetzten. Das sei nicht nur ungerecht, sondern auch eine Verarmung der Erfahrungswelten, um die die deutsche Gegenwartsliteratur auf diese Weise betrogen werde. Es gab viel Widerspruch auf Kesslers Text, aber ein schlechtes Gewissen hatten alle – als seien sie erwischt worden.