Zum Abschluss seiner Tournee segnet der Mann, der einst Roms Hüter der reinen Lehre war, die Gläubigen in einer schnöden Multifunktionshalle in Wattenscheid. Im fahlen Licht der blauen LED-Strahler hebt er an: "Der Herr sei mit euch." An seiner Seite auf der Bühne kniet: Gloria von Thurn und Taxis, die erzkonservative Fürstin und Promikatholikin. "Und mit deinem Geiste", antwortet sie und mit ihr die gut einhundert ebenfalls knienden Menschen im Saal. Sie alle haben 15 Euro bezahlt, um live zu erleben, was der Mann über den Zustand der Kirche zu sagen hat: Gerhard Ludwig Kardinal Müller, 72 Jahre alt, ehemals Präfekt der mächtigen Glaubenskongregation.

Es ist November 2019. Kardinal Müller hat Rom verlassen, um Nordrhein-Westfalen zu besuchen: Bochum, Mönchengladbach und an diesem Abend der Abschluss in Wattenscheid. Die Veranstaltungen mit ihm tragen wuchtige Titel: "Wege zum Glauben" und "Quo vadis, Kirche?". Die ganze Tournee ist auch eine Botschaft: Ich bin noch da. Für euch. Und ich werde keine Ruhe geben angesichts dessen, was im Vatikan passiert.

Dort standen über Müller einmal nur Gott und dessen Stellvertreter auf Erden: Der eine, Papst Benedikt XVI., holte ihn 2012 als Präfekt nach Rom. Und der andere, Papst Franziskus, demütigte ihn. So wirkte es zumindest, als Müllers Vertrag im Juli 2017 nach fünf Dienstjahren fristgerecht endete und Franziskus einen der Seinen als neuen Präfekten installierte.

Von einem Tag auf den nächsten zerbröselte, was Müller sich in einem ganzen Leben für den Glauben aufgebaut hatte. Seine Macht war dahin. Zwar bleibt er weiterhin Kardinal, aber davon gibt es in Rom 223. Für Müller muss es sich wie eine persönliche Beleidigung angefühlt haben. Besonders, weil Franziskus ihm nicht mal ein anderes Amt angeboten hat. Ein offizielle Aufgabe in der Kurie hat Müller heute nicht mehr. Er gibt die gesammelten Schriften Joseph Ratzingers heraus und wohnt in dessen alter Wohnung. Das war es.

Machtmenschen, die aus ihrem System stürzen – sei es Kirche, Wirtschaft oder Politik –, fallen immer tief. Und hart. Es gibt Geschasste, die daraufhin erst mal abtauchen. Manche kehren zurück, tragen dann Vollbart, verzichten auf die Krawatte und lassen sich für glamouröse Bankette als Redner buchen, wo sie erzählen, dass sie in der Krise verstanden hätten, was wirklich zählt. Das sind diejenigen, die ihren Frieden mit dem Sturz machen.

Aber es gibt auch die, denen Machtentzug nicht bekommt. Die Rache wollen, wenigstens Genugtuung, und sich neue Verbündete suchen, um einen Kampf weiterzukämpfen, den sie längst verloren haben. Wer beobachtete, was Müller in den vergangenen Monaten von sich gab oder mit wem er sich während der Vortragsreise durch Nordrhein-Westfalen zeigte, der konnte den Eindruck gewinnen: Dem Kardinal geht es um vor allem um Genugtuung.

Schon länger schwelt im Vatikan ein Lagerkampf: die Benedikt-Anhänger gegen die Franziskus-Treuen. Es war ein Stellvertreterkampf. Geführt durch Männer wie Müller, der vor und erst recht seit seiner Entmachtung keine Gelegenheit ausgelassen hat, gegen den aktuellen Papst zu stänkern.

Mittlerweile zeigen sich die Konfliktlinien offener. Es begann mit der Amazonas-Synode im Oktober 2019, auf der vieles besprochen wurde und doch nur ein Thema richtig interessierte: Soll es Ausnahmen geben für den Zölibat? Aus Sicht der Benedikt-Anhänger wird da etwas angefasst, was nicht angefasst werden darf – wie so vieles, seit Franziskus im Amt ist. Einer seiner Kritiker, der konservative Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea, hat deshalb kürzlich ein Buch geschrieben. Aus der Tiefe des Herzens heißt es und erscheint in dieser Woche. Ein Kapitel darin verfasste höchstpersönlich: Benedikt XVI. Darin wird vor "schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern" gewarnt, die "den priesterlichen Zölibat entwerten wollen". Für Beobachter konnte es so aussehen, als maßregelte Benedikt XVI. seinen Nachfolger.

Wenigstens über Bande. Und mit nachträglichen Beschwichtigungen: Benedikt XVI. hat unlängst seinen Namen vom Cover des Sarah-Buches tilgen lassen – Mitautor sei er nun wirklich nicht, aber zum Inhalt des einen Kapitels stehe er weiterhin. Kardinal Müller teilte mit, Benedikt XVI. sei nun einmal emeritierter Bischof – und somit dürfe er sich in die Lehre der Kirche einmischen. Dabei hatte der Papa emeritus einst versprochen hatte, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.