Wie wunderbar Gott die Welt eingerichtet hat, scheint das Gemälde "Die Stigmatisierung des hl. Franziskus" zu rufen. © Abbildung: Jan van Eyck

Zum Beispiel dieser winzige schwarze Strich, was macht der da? Wenige Millimeter ist er lang und nur zu sehen, wenn man ganz nah herangeht an den Verkündigungsengel und rechts neben ihm aus dem gemalten Fenster in den Himmel schaut. Dort ist der kleine Strich, einen weit entfernt segelnden Vogel abbildend.

Aber das klappt normalerweise gar nicht, nah ranzugehen an eines der größten Werke der Kunstgeschichte. Seit fast 40 Jahren wird der Genter Altar in einer Art gläsernem Käfig gezeigt, zum Schutz vor Vandalismus und dem feuchtkalten Klima in der St.-Bavo-Kathedrale, für die er vor 600 Jahren von den Brüdern Hubert und Jan van Eyck geschaffen wurde. Jedoch selbst wer damals anbetend davorkniete, wird den Strich kaum bemerkt haben, zu weit oben schwebt der Engel, zu klein ist der Fensterausschnitt, als dass man aus drei, vier Metern Entfernung überhaupt ahnen könnte, dass da was fliegt. Und doch ist er da, der Strich. Und muss es sein.

Jetzt schlägt seine Stunde. Acht Jahre hat die Restaurierung etlicher Tafeln des Klappaltars gedauert; einige von ihnen sind gerade in einer Art Prozession zurück in ihren Glaskäfig gebracht worden, darunter das zentrale Bild des Lamms Gottes. Hingegen sind die Bilder von der weniger farbenprächtigen Alltags-Außenseite noch dort, wo sie vor den Augen der Öffentlichkeit restauriert wurden, im Museum der Schönen Künste in Gent. Hier bilden der Verkündigungsengel und elf weitere Tafeln den Glutkern einer Ausstellung, wie es sie vielleicht nie wieder geben wird.

Neben den Altartafeln versammelt sie weitere 12 der 20 bekannten Gemälde Jan van Eycks (von seinem Bruder ist nichts überliefert außer der Nachricht von seiner Mitarbeit am Altar). 100 weitere Exponate, darunter Werke italienischer Zeitgenossen wie Masaccio oder Fra Angelico, sollen die Welt heraufbeschwören, in die van Eyck mit seiner Art zu malen hineingefahren sein muss wie ein Blitz. Schon zu Lebzeiten war er berühmt für seine Detailtreue und einen geradezu fotografischen Realismus. In den 13 effektvoll ausgeleuchteten Räumen wirken selbst die feinen Italiener wie Stümper, die tapfer hölzerne Bengel auf Goldgrund malen, während der flämische Kollege lebendige Wesen schafft und von innen heraus zum Strahlen bringt.

In seinen Werken spiegelt sich die Größe des Ganzen

Van Eycks "optische Revolution" ist denn auch das zentrale Thema der Schau; sie hat drei Stoßrichtungen. Zum einen ist da die Maltechnik. Zwar hat van Eyck nicht, wie die Legende es lange wollte, die Ölmalerei erfunden. Aber er experimentierte mit ihr und setzte den Farben Stoffe zu, die sie schneller trocknen ließen. So konnte er in rascher Folge mehrere transparente Schichten übereinander malen, was den Bildern Tiefe und Leuchtkraft verleiht. Zum anderen verfügte er offenbar über eine Beobachtungsgabe und -lust, die die seiner Zeitgenossen weit überstieg. So malte er lange vor allen anderen eine exakte Ansicht der Mondoberfläche und schneebedeckte Berge. Und schließlich war er ein gebildeter Mann, der neben dem theologischen Einmaleins für die komplexen Bildprogramme auch die Gesetze der Optik verstand. Nur so konnte er den Lichtbrechungen in all den Perlen, Edelsteinen, Wasserkesseln, Ritterrüstungen, Marienmänteln, Himmelsherrscherkronen seiner Bilder die atemberaubende Präzision verleihen.

Wie, wo, bei wem er all das gelernt und was er sich dabei gedacht hat, ist seit je Gegenstand unabschließbarer Spekulationen; der mächtige Katalog fasst den Stand der Dinge noch einmal auf 500 Seiten zusammen und erweitert ihn um neue Mutmaßungen. Van Eycks Geburtsdatum wird auf circa 1390 datiert, aber ob er wirklich aus der Ortschaft Maaseik kam, weiß immer noch niemand mit Sicherheit zu sagen. Gerade mal 40 dürre Spuren hat er in diversen Archiven hinterlassen; in den Vitrinen der Schau kann man sich über einige der Folianten beugen und seinem immer wieder anders geschriebenen Namen hinterherrätseln. Viel dreht sich um Geld; van Eyck war ein bestens bezahlter Hofkünstler, der in höchsten Kreisen verkehrte. Sein Dienstherr, der burgundische Herzog Philipp der Gute, schickte ihn mehrfach auf geheime diplomatische Missionen. Einmal hilft ihm der Künstler sogar bei der Brautschau und malt in Portugal zwei Porträts der Auserwählten, Isabel, die er dem daheim gebliebenen Bräutigam schickt, eins auf dem See-, eins auf dem Landweg, zur Sicherheit. Erhalten sind beide nicht. Im Sommer 1441 stirbt van Eyck; sein Grab wird später mit der Kirche, in der es lag, eingeebnet.