Die Hamburger Malerin Jeannine Platz, 46, hat sich mit aufwendigen Projekten einen Namen gemacht. Ihre großformatigen Bilder malte sie auf Containerschiffe und auf Hausdächer, in ihrer Reihe "Suite View" hielt sie den Ausblick aus noblen Hotelzimmern fest. Auch für ihr neuestes Projekt "The Sound of Ice" war sie lange unterwegs.

DIE ZEIT: Sie sind in die Antarktis und zum Nordpol gereist. Was haben Sie dort gesucht?

Jeannine Platz: Ich wollte auf einer Eisscholle am Nordpol sitzen und die Weite malen. Das war die ursprüngliche Idee. Es dauerte aber fast eineinhalb Jahre, bis die Reise stattfinden konnte. Darum bin ich zuerst in die Antarktis gereist, sozusagen zur Vorbereitung.

ZEIT: Warum mussten Sie so lange warten?

Platz: Der russische Eisbrecher, auf dem ich zum Nordpol gefahren bin, hat das ganze Jahr über zu tun. Nur ein paar Wochen lang im Sommer dürfen Gäste mitfahren – weil dann die Passagen, die das Schiff eisfrei halten soll, ohnehin eisfrei sind.

ZEIT: Bei Ihren vorherigen Projekten hat es Sie ganz und gar nicht in die Natur gezogen.

Platz: Ich brauche beim Malen Ruhe und Einsamkeit, keine anderen Menschen um mich, keine Störgeräusche. Mein Fokus lag immer auf dem Horizont, meine Motive waren das Meer, das Häusermeer, die Weite. Dabei habe ich mich mit den Farben richtig ausgetobt. Jetzt hatte ich das Verlangen nach Reduktion, ich wollte am liebsten mit einer komplett weißen Ausstellung zurückkommen.

ZEIT: Haben Sie wirklich auf einer Eisscholle gesessen?

Platz: Nach meiner Ankunft in der Antarktis bin ich vom Schiff aus oft mit einem Schlauchboot an Land gefahren. Dann habe ich mein Lager aufgeschlagen und gemalt, was ich gesehen habe. Immer ziemlich schnell, damit die Farben nicht einfrieren.

ZEIT: Wie ging das in der Kälte?

Platz: Mit Acrylfarben. Ich habe das vorher in der Kältekammer getestet. Eigentlich verwende ich Ölfarben, aber die ziehen in der Kälte Fäden und trocknen nie. Acrylfarben sind auch schwierig, denn die enthalten Wasser und frieren irgendwann in der Tube ein – ich hatte also nie länger als eine halbe Stunde Zeit.

ZEIT: Wie viele Bilder haben Sie geschafft?

Platz: Am Ort habe ich sechs Bilder gemalt, mehr ging nicht. Zu Hause im Atelier sind dann noch mehr als 30 weitere entstanden, basierend auf Studien, die ich unterwegs angefertigt habe.

ZEIT: Wie haben Sie die Stimmung bei Ihrer zweiten Reise am Nordpol wahrgenommen?

Platz: Es war mystisch. Im Juli ist es Tag und Nacht hell, man verlor leicht den Tagesrhythmus und auch die Orientierung. Das Licht änderte sich ständig: Mal war es gleißend, mal milder. Teils war es auch gar nicht so kalt, nur etwa minus zwei Grad. Aber durch den Wind hatte ich das Gefühl, sehr ungeschützt zu sein – verloren in der Weite.

ZEIT: Ihnen selbst haben die Temperaturen nichts ausgemacht?

Platz: Meine Hände froren sofort ein – ich male nicht mit einem Pinsel, sondern mit den Fingern. Eigentlich hatte ich ja vor, den ganzen Tag zu arbeiten. Ich dachte, ich könnte das gut aushalten. Aber dann war es wirklich grenzwertig. Andererseits wollte ich die Kälte unbedingt mit allen Sinnen spüren. Deshalb bin ich auch ins Wasser gesprungen.

ZEIT: Wie bitte?

Platz: Ich wollte erfahren, wie sich die Kälte anfühlt, die ich male. Ich war angeleint, damit mich die Schiffsbesatzung sofort wieder an Land ziehen konnte. Ich habe den Expeditionsleiter gebeten, mir Bescheid zu geben, wenn ich springen darf. Irgendwann bekam ich die Nachricht: Wenn, dann jetzt! Ich hatte gerade angefangen zu malen, die Farben und die Leinwand lagen auf dem Eis. Ich habe alles unterbrochen – und in dem Moment, in dem ich im Wasser war, kam ein Eisbär.

ZEIT: Im Ernst?

Platz: Er schlich sich an, beschnupperte die Farben, kämpfte mit dem Koffer, den er wohl für eine Robbe hielt. Ich habe das von der Reling aus beobachtet. Meine größte Sorge war, dass er die Farben frisst. Ich habe mein Projekt vergessen, ich dachte nur: Hoffentlich verteilt er nicht meine Farbtuben am Nordpol. Im Rückblick war es dieser Moment, in dem ich verstanden habe: Hier haben wir Menschen nichts verloren.

ZEIT: Das ist Ihnen erst dann klar geworden?

Platz: Ich fühlte mich ertappt. Das Bild, wie der Bär mit seinen Tatzen in meinen Malsachen steht, werde ich nie vergessen. Ich war ja in seinen Bereich eingedrungen, nicht er in meinen – das zu realisieren hat mich sehr bestürzt. Er hat sich nach etwa zwei Stunden davongetrollt. Ich bin nur froh, dass er nichts gefressen hat.