Siemens-Chef Joe Kaeser hat sich oft politisch geäußert: zur Seenotrettung im Mittelmeer, zu Äußerungen von AfD-Politikern zur Migration, zur russischen Annexion der Krim. Oft waren seine Statements umstritten. Jetzt kritisieren Klimaaktivisten ihn dafür, dass Siemens Bahnsignaltechnik an eine australische Kohlemine liefert und an dem Vertrag festhält. Im Interview spricht er über die Gründe, über Geschäfte und über seine Kommentare zur Politik.

DIE ZEIT: Herr Kaeser, kein Vorstandschef eines deutschen Großunternehmens hat sich so oft politisch zu Wort gemeldet wie Sie. Hat es sich gelohnt?

Joe Kaeser: Da muss ich einen Moment ausholen. In meiner ersten Phase als Vorstandsvorsitzender haben Sie kaum einmal ein offensives Wort von mir gehört über Rassismus, über die Spaltung der Gesellschaft, über Populismus und dergleichen. Da ging es um etwas anderes: Siemens als Sanierungsfall wieder auf starke Beine zu stellen. Das dauerte ungefähr bis Ende 2017.

ZEIT: Dann kam die zweite Phase.

Kaeser: Da war die Frage: Lassen wir es jetzt so weiterlaufen? Oder versuchen wir zu antizipieren, wie die nächsten zehn Jahre aussehen? Mir war damals klar: Wenn ich jetzt aufhöre, verabschiede ich mich mit einer sehr guten Bilanz und einem historisch hohen Aktienkurs. Ich habe mich dann entschieden, noch mal zu verlängern, um mit dem Managementteam aus einer Position der Stärke heraus das Siemens der nächsten Generation zu bauen. Dazu brauchten wir aber einen anderen strategischen Ansatz. Es musste etwas geben, woran sich das ganze Geschäft in Zukunft ausrichtet: Wir nannten es "Purpose".

ZEIT: Purpose ist das neumodische Wort für "Bestimmung", das Zauberwort aller Industrieführer.

Kaeser: Ja, aber das Zauberwort, wie Sie es nennen, das kam bei den allermeisten viel später. Wir waren mit Abstand die Ersten, die dieses Thema zur Maxime der Strategie erklärten. Das Wichtigste war im Grunde, dass wir auch angelsächsischen Investoren gesagt haben: Es gibt neben dem traditionellen Shareholder-Value, also den solitären Gewinninteressen der Aktionäre, eine übergeordnete Größe. Und das ist die Bestimmung des Unternehmens als Bestandteil einer gesellschaftlichen Ordnung.

ZEIT: Ist diese Botschaft verstanden worden?

Kaeser: Damals nicht. Mittlerweile entwickelt es sich. Viele sind aber noch unterwegs mit dem Firmenmantra "The business of business is business" ...

ZEIT: ... dass also der Unternehmenszweck die Gewinnmaximierung ist.

Kaeser: Ja, das ist das Sicherste. Man tut das, wofür man bezahlt wird, und um den Rest sollen sich möglichst andere kümmern. Ich bin aber der Meinung, das geht nicht mehr, dass man sich einfach zurückzieht. Als es 2019 die Debatte um die Seenotrettung von Flüchtlingen gab und ich das kommentierte ...

ZEIT: ... Sie twitterten: "Menschen, die Leben retten, sollten nicht verhaftet werden. Menschen, die töten und Hass und Leid säen und fördern schon" ...

Kaeser: ... da gab es ja sehr viele Stimmen, die sagten: Also jetzt übertreibt er es.

ZEIT: Schon vorher hatte die Fraktionschefin der AfD im Bundestag, Alice Weidel, im Parlament über die Einwanderungs- und Asylpolitik der Bundesregierung gesagt: "Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern." Darauf twitterten Sie: "lieber Kopftuchmädchen als Bund deutscher Mädel", und dass solche Äußerungen dem Ansehen des Landes und damit dem Wohlstand schadeten.

Kaeser: Die Kommentierungen von Alice Weidel unter dem Bundesadler weckten Assoziationen an dunkelste Zeiten. Diese Intervention können Sie auch mit der Interessenlage des Unternehmens begründen: Wer so etwas zum Beispiel im Ausland hört, der könnte denken, ganz Deutschland sei so. Dagegen muss man Zeichen setzen. Aber das war für mich schon ein kritischer Moment. Da kamen dann auch die ersten Morddrohungen auf.

ZEIT: Gegen Sie und Ihre Familie?

Kaeser: Ja. Morddrohungen gegen mich und auch gegen meine Töchter.

ZEIT: Haben Sie das ernst genommen?

Kaeser: Bei uns gibt es einen zuverlässigen Sicherheitsapparat, der das bewertet: Einigen Drohungen ist man nachgegangen. Andere habe ich einfach ignoriert. Eine war sehr speziell: Es kam eine Morddrohung von Adolf.Hitler@nsdap.com. Das hat mich wirklich irritiert, weil es ganz offensichtlich in unserem Land möglich ist, mit @nsdap.com eine E-Mail zu versenden.

ZEIT: Für die AfD sind Sie ein Feindbild geworden. Im Januar nannte Sie einer der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden in Hamburg einen "linken Gesinnungsterroristen" sowie Sie und Siemens eine "Schande für Deutschland".

Kaeser: Damit muss die AfD klarkommen. Sie ist ja eigentlich eine demokratisch legitimierte Partei. Solche Bemerkungen machen es einem schwer, zu verstehen, warum das so ist. Ich hatte schon überlegt, darauf eine pointierte Bemerkung zu twittern, etwas wie: "Lieber links als ..." Aber mittlerweile habe ich ja auch dazugelernt, wo man einen Tweet machen sollte und wo nicht.

ZEIT: Neben Ihrem Konflikt mit Alice Weidel sind in der Öffentlichkeit noch mindestens vier weitere politische Themen haften geblieben, die für heftige Turbulenzen gesorgt haben: Ihr Besuch bei Wladimir Putin unmittelbar nach der Annexion der Krim; das Lob für die Steuerreform von Donald Trump in Davos; Ihre Nähe zu Saudi-Arabien nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi. Und jetzt Ihr Verhalten im Zusammenhang mit der Lieferung von Bahnsignaltechnik, die dem Kohleabbau in Australien helfen soll. Nicht alles waren Glanztaten.

Kaeser: Frau Weidel haben wir schon besprochen. Das war absolut richtig, ich würde das wieder tun. So, das mit Herrn Trump, das jährt sich ja dieses Jahr ...

ZEIT: Zwei Jahre sind es inzwischen.

Kaeser: Ja, und das ist eine längere Geschichte. Bei einem Dinner in Davos war ich links von Herrn Trump positioniert. Und dann kam eine Vorstellungsrunde, bei der ich sagte: Ich bin Joe Kaeser, ich arbeite für Siemens. Worauf mich der Präsident unterbrach und sagte, dass ich doch der Präsident von Siemens sei. Und dann fragte ich ihn, ob er denn nicht für sein Land arbeite. Was in Minutenschnelle ein Riesen-Social-Media-Aufreger wurde mit weitestgehend positiven Kommentaren. Das war das Erste. Dann habe ich ihm zur Unternehmenssteuerreform gratuliert und gesagt, dass wir die nächste Gasturbinen-Generation in Charlotte entwickeln werden.