Es muss beinhart sein, als denkender Mensch von einem manischen Optimisten regiert zu werden. Die Intellektuellen der Vereinigten Staaten ringen damit, dass der Klimawandel als eine Obsession von Pessimisten gilt, die politisch zu bekämpfen ist, fossils first. Schriftsteller wie Jonathan Safran Foer oder Jonathan Franzen verdienen deshalb Extra-Respekt, wenn sie an der guten alten geistigen Arbeit festhalten, die nun mal ihr Job ist: Kritik.

Nichts anderes hat Jonathan Franzen getan, dessen ökologische Wachheit seit den Neunzigerjahren in seinem literarischen Werk Spuren hinterlässt. Er hat im September 2019 im New Yorker, nach ein paar Vorläufern, einen bedenkenswert ernüchterten Essay veröffentlicht: What If We Stopped Pretending? The Climate Apocalypse is Coming. Darin stand, seit dreißig Jahren wisse man um die Dynamik und die Ursachen des Klimawandels, seit ebenfalls dreißig Jahren erreiche der CO₂-Ausstoß dennoch immer neue Weltrekordhöhen, also sei es an der Zeit, festzustellen: Ende Gelände. Man könne gern weiterhoffen, dass sich die Katastrophe verhindern lasse, doch er empfiehlt die Alternative: "Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben." We are doomed – Untergang!

Für diese Optimismus-Verweigerung wurde Franzen von der Klima-Community mit hurrikanhaften Shitstorms überzogen; die Klimaforscherin Kate Marvel von der Columbia University empfahl dem Schriftsteller, besser den Mund zu halten (Shut up, Franzen), in einem Text, der ausgerechnet am 11. September erschien, Amerikas Tag des Untergangs. Im Kern sagten Franzens Kritiker dies: Die Fakten deuten darauf hin, dass es noch immer politische, technologische, gesellschaftliche Spielräume gibt, um die Erderwärmung zu begrenzen, also weiterkämpfen!

Allerdings sagt auch Franzen: Es kommt auf jedes halbe Grad der Temperaturminderung an, mithin auf den sofortigen Umbau sämtlicher Infrastrukturen. Er fügt unterdessen zudem selbstkritisch hinzu, etwas weniger Untergang und dafür eine Prise mehr Hoffnung sei dem Menschengeschlecht insgesamt wohl zuträglicher. Nur bleibt er skeptisch, ob sich die Alltagsgewohnheiten dieser Spezies in kurzer Zeit radikal ändern ließen, zumal die amerikanischen. Dieser Auffassung darf man wohl sein. Franzen hat sich deshalb einer anderen Spezies zugewandt und kümmert sich nun um den Vogelschutz.

Der Essay, ergänzt um ein Vorwort und ein Zeitungsinterview, erscheint jetzt als Mini-Büchlein auf Deutsch (Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Rowohlt, Hamburg 2020; 64 S., 8,– €), und zwar in dem Moment, wo das Potsdam-Institut die klimapolitischen Handlungsspielräume bis 2050 umreißt und Europa den Plan eines Green New Deal vorlegt. Die Wette läuft. Von Kafka stammt die Bemerkung, es gebe unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns. Franzen variiert diesen Satz: "Es gibt keine Hoffnung, außer für uns." Für Menschen. All das ist hinreißend widersprüchlich. In Europa lässt sich darüber noch reden.